Flugzeugabsturz: Helfer laden Leichen in Waggons, Westen droht mit Sanktionen

20. Juli 2014, 21:47
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US-Außenminister John Kerry: Für Abschuss genutztes Raketensystem wurde von Russland gestellt - Weiter Suche nach etwa 100 Toten 

Wien - Die ukrainische Regierung hat den prorussischen Separatisten am Sonntag vorgeworfen, Beweise für den Abschuss des malaysischen Passagierflugzeugs durch russische Raketen verschwinden zu lassen. Der Anführer der Separatisten, Alexander Borodai, sagte, einige Gegenstände des Flugzeugs und vielleicht auch die Flugschreiber seien in ihrer Hand.

Deutschland, Frankreich und Großbritannien forderten den russischen Präsidenten Wladimir Putin auf, auf die Separatisten einzuwirken, damit diese den ausländischen Ermittlern uneingeschränkten Zugang zu der Absturzstelle gewähren.

Sanktionsdrohung

Sollte Russland nicht umgehend in diesem Sinne handeln, würde die Europäische Union (UN) beim Treffen ihrer Außenminister am Dienstag entsprechende Schlussfolgerungen ziehen, erklärte das französische Präsidialamt nach einem Telefongespräch von Präsident François Hollande mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Premierminister David Cameron. Großbritannien hatte zuvor für eine Verschärfung der Sanktionen gegen Russland plädiert.

Den Ermittlern müsse ein ungehinderter Zugang zur Absturzstelle von Flug MH17 gewährleistet werden, betonten der Élysée-Palast und die britische Regierung nach Telefonaten am Sonntag. Sollte Russland nicht "unverzüglich die nötigen Maßnahmen ergreifen", werde dies beim EU-Außenministerrat am Dienstag Konsequenzen haben, hieß es in Paris weiter.

Leichen in Kühlzug verlanden

Am Sonntagmorgen waren viele der von Bergungskräften in Säcke verpackten Leichenteile abtransportiert worden. Leere blutverschmierte Tragen lagen herum. Im Westen und vor allem in den Niederlanden, die die meisten Opfer zu beklagen haben, wurde Ärger wegen des anscheinend würdelosen Umgangs mit den Toten laut. US-Außenminister Kerry kritisierte die chaotischen Szenen am Absturzort.

Ausländische Ermittler hätten entgegen den Zusagen am Freitag nur für 75 Minuten und am Samstag nur für drei Stunden Zugang erhalten. "Betrunkene Separatisten haben Leichen auf Lastwagen gestapelt und sind davongefahren", sagte Kerry im Sender NBC. "Was dort geschieht, ist wirklich grotesk."

Ein Anführer der Rebellen sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die Leichen würden in Eisenbahn-Kühlwaggons aufbewahrt. Dort würden sie bleiben, bis klar sei, was mit ihnen geschehen solle. Fast 200 Leichen sollen in dem Zug nahe der Ortschaft Tores lagern. Beim Absturz des Flugzeugs am vergangenen Donnerstag waren alle 298 Insassen ums Leben gekommen.

Poroschenko: Satellitenbilder belegen Abschuss

Die Ukraine verfügt nach Angaben ihres Präsidenten Petro Poroschenko über Beweise für einen Abschuss des malaysischen Passagierflugzeugs durch prorussische Separatisten. "Wir haben Satellitenbilder des Abschussortes sowie Fotos und Videos eines Raketenabwehrsystems, was von Waffentransporten aus Russland zeugt", sagte Poroschenko am Sonntag in Kiew. Er sprach von "unwiderlegbaren" Indizien.

Kerry: Raketensystem von Russland

Nach Einschätzung des US-Außenministers John Kerry ist das Flugzeug mit einem Raketensystem abgeschossen worden, das den prorussischen Separatisten im Osten der Ukraine von Russland gestellt wurde. "Es ist ziemlich klar, dass dieses System durch Russland in die Hände der Separatisten gelangte", sagte Kerry am Sonntag dem US-Nachrichtensender CNN.

Kerry rief die Europäer in mehreren TV-Talkshows auf, dem Beispiel Washingtons zu folgen und ihre Sanktionen zu verschärfen. Es wäre enorm hilfreich, wenn einige europäische Länder, die bisher "ein wenig abgeneigt" seien, sich den USA anschlössen, sagte Kerry am Sonntag dem Sender CNN. "Das ist Augenblick der Wahrheit für Putin."

Botschaft: Mitschnitt ist echt

Das vom ukrainischen Geheimdienst veröffentlichte Protokoll eines abgehörten Gesprächs zum mutmaßlichen Abschuss des Malaysia-Airlines-Flugs MH17 ist nach Angaben der US-Botschaft in Kiew echt. Experten hätten die Authentizität des Audiomitschnitts zwischen "uns bekannten Separatistenführern" bestätigt, teilte die Botschaft am Sonntag mit.

Schon am Freitag hatte US-Präsident Barack Obama mitgeteilt, dass für den Abschuss sehr wahrscheinlich die moskautreuen Kräfte verantwortlich seien. Die "Washington Post" berichtete am Sonntag unter Berufung auf US-Regierungsvertreter, dass die Aufständischen im Osten der Ukraine von Russland das Flugabwehrsystem Buk erhalten hätten, das angeblich zum Abschuss der malaysischen Passagiermaschine am Donnerstag genutzt wurde. Nach dem Absturz der Maschine seien die verbliebenen Raketen in der Nacht auf Freitag wieder auf russisches Territorium geschafft worden.

Niederländer schockiert über Bilder

Zuvor hatte auch der niederländische Regierungschef Mark Rutte Moskau aufgefordert, zu einer raschen Aufklärung des Absturzes des malaysischen Passagierjets mit vorwiegend niederländischen Passagieren beizutragen. Rutte sagte am Samstag, er habe mit Russlands Staatschef Wladimir Putin ein "sehr intensives Gespräch" geführt und deutlich gemacht, dass Putin "die Verantwortung gegenüber den Rebellen tragen muss".

"Ich habe ihm gesagt, dass er der Welt zeigen muss, dass er helfen will", sagte Rutte. Der Regierungschef zeigte sich zudem "schockiert" über Bilder von "schamlosen" prorussischen Separatisten, die über die Absturzstelle gingen und Habseligkeiten der Absturzopfer in den Händen hielten. Der niederländische Außenminister Frans Timmermans äußerte sich während eines Treffens mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko ebenfalls "schockiert" und "empört" über den Umgang mit den Leichen.

Kämpfe gehen weiter

Gleichzeitig gingen die Kämpfe zwischen der Ukraine und den Separatisten weiter. Ukrainische Stellungen sind nach Angaben der Regierung in Kiew in der Nacht auf Sonntag zweimal von Russland aus beschossen worden. Mörsergranatenangriffe seien kurz nach Mitternacht verzeichnet worden und dann noch einmal etwa zwei Stunden später, hieß es auf einer von der Regierung eingerichteten Facebook-Seite. In beiden Fällen sei aus russischer Richtung geschossen worden.

Sicherheitsrat tagt

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verhandelte am Sonntagnachmittag (Ortszeit) über eine Resolution zum Flugzeugabsturz in der Ostukraine. Westlichen Diplomaten zufolge hat Australien einen Entwurf vorgelegt, der von allen Beteiligten, insbesondere den prorussischen Rebellen, eine uneingeschränkte Zusammenarbeit mit den internationalen Behörden fordert. Jede Manipulation an der Absturzstelle soll verboten werden.

Eine rasche Abstimmung über die Resolution im Sicherheitsrat galt als unwahrscheinlich. Zwar machen die Australier Druck, am Sonntag war der Entwurf aber noch nicht abstimmungsreif. Zudem gilt die Regel, dass dann bis zur Abstimmung 24 Stunden vergehen müssen. Die Russen haben dem Vernehmen nach noch am Sonntag einen Katalog mit Änderungsforderungen vorgelegt. Weil Moskau sein Veto einlegen kann, ist eine rasche Einigung auf ein starkes Votum unwahrscheinlich. (APA/Reuters/red, derStandard.at, 20.7.2014)

  • Hrabowe, 18. Juli: Helfer in Uniform des ukrainischen Katastrophenschutzministeriums begutachten einen Fund. Laut Reuters handelt es sich um einen Flugdatenschreiber.
    foto: reuters/reuters tv

    Hrabowe, 18. Juli: Helfer in Uniform des ukrainischen Katastrophenschutzministeriums begutachten einen Fund. Laut Reuters handelt es sich um einen Flugdatenschreiber.

  • Die Suche nach etwa 100 Passagieren der Unglücksmaschine geht weiter.
    foto: ap/vadim ghirda

    Die Suche nach etwa 100 Passagieren der Unglücksmaschine geht weiter.

  • Beobachter der OSZE inspizieren in Begleitung von Separatisten Zugwaggons mit Verunglückten.
    foto: reuters/maxim zmeyev

    Beobachter der OSZE inspizieren in Begleitung von Separatisten Zugwaggons mit Verunglückten.

  • Prorussischer Rebell vor dem Kühlzug.
    foto: epa/robert ghement

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