Syrische Flüchtlinge im Libanon: "Warum helft ihr denen mit Kopftuch?“

19. Juli 2014, 19:08
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Mindestens 500.000 Christen haben Syrien seit 2011 verlassen, die meisten von ihnen sind in Jordanien und dem Libanon untergekommen. Dort droht ihnen das wirtschaftliche Aus, die meisten wissen nicht, wie es weitergehen soll. Gezeichnet von Verfolgung misstrauen viele nun den Muslimen, mit denen sie einst friedlich zusammenlebten und die nun wie sie selbst als Flüchtlinge ums Überleben kämpfen

Beirut – Fady al Nawakil wirkt abgemagert. Unter dem taubenblauen Poloshirt zeichnet sich sein schmaler Körper ab, seine Hände liegen verkrampft ineinander verschränkt in seinem Schoß. Fady ist ein Christ, der aus Syrien in den Libanon geflohen ist. Zusammen mit neun anderen Christen ist der 32-Jährige am Mittwochabend in das Caritas-Frauenhaus in Rayfoun nahe der Hauptstadt Beirut gekommen, um seine Geschichte zu erzählen. Fotos dürfen keine gemacht werden. Sie sitzen im Halbkreis auf weißen Plastikstühlen, es ist bereits dunkel. Draußen surren die Grillen, ab und zu hört man Sirenen von Rettungs- oder Polizeiwägen.

Drei Entführungsversuche

"Ich bin Arzt", setzt Fady an, "Chirurg." Er schluckt viel, seine Stimme dringt leise durch den Raum. Er habe in einem staatlichen Krankenhaus in Damaskus gearbeitet. Als die Kämpfe 2011 auch die Stadt erreicht hatten, nahm die Bedrohung mit jedem Tag zu. Dreimal sei er beinahe gekidnapped worden, immer nach derselben Masche: verzweifelte Frauen riefen im Spital an und verlangten explizit nach Dr. Al Nawakil. Er solle zu einem Notfall zu ihnen nach Hause kommen.

"Ich habe ihnen gesagt, dass ich einen Krankenwagen schicken werde. Beim dritten Mal habe ich im Hintergrund eine Männerstimme am Telefon gehört, dass sie nur dafür sorgen muss, dass ich das Krankenhaus auf jeden Fall verlasse, damit sie mich vor der Tür kriegen", schildert Fady. Über eine Hintertür sei er aus dem Krankenhaus geflohen, danach ist er nicht mehr zurückgekehrt. "Ich war dort nicht mehr sicher."

Zu Lehrzwecken gefoltert

Jetzt ist seine Frau Marina an der Reihe, sie hat ungeduldig gewartet. "Ich habe eine eigene Geschichte für Sie", sagt sie mit bohrendem Blick. Im Gegensatz zu Fady, der blass und verstört auf dem Plastikstuhl kauert und zu Boden blickt, wirkt sie entschlossen und voller Wut. Sie sei 21 Jahre alt und habe in Damaskus studiert. Bei einer Explosion in der Universität seien sie und eine Freundin leicht verletzt worden. "Kurz darauf wurde mein Vater zuerst angeschossen und dann entführt", erzählt sie.

Monatelag sei er in einem Keller festgehalten und gefoltert worden. "Die Kidnapper haben Videos von der Folter gemacht und auf Youtube gestellt, damit andere ihre Methoden lernen", sagt Marina. Das Video sei immer noch abrufbar. Sie glaubt, Terroristen der islamistischen al-Nusra Vereinigung haben ihren Vater gepeinigt. Nach einiger Zeit hätten sie Lösegeld zahlen und ihn auskaufen können. "Eine Woche später ist er gestorben."

Der Mann neben ihr, Bachir Bachour, will nun erzählen, doch Marina unterbricht ihn. Ihre Wangen sind dunkelrot, ihr Unterkiefer angespannt. Sie hat erfahren, dass wir ein paar Stunden zuvor syrische Flüchtlinge in Zeltlagern besucht haben. "Warum helft ihr denen mit Kopftuch? Das sind die, die uns töten wollen", ruft sie.

Große soziale Fallhöhe

Christen sind kaum in den Lagern anzutreffen. Obwohl sie mit weniger als acht Prozent Bevölkerungsanteil die Minderheit in Syrien stellten, zählten Christen zur mittleren und gehobenen Schicht. Mit dem Ausbruch des Bürgerkrieges im Frühjahr 2011 verschärfte sich das Klima, Christen wurden zunehmend drangsaliert und verfolgt. Nach internationalen Schätzungen haben mindestens eine halbe Million seither ihre Heimat verlassen.

Als Flüchtlinge lebt der Großteil nun in den Nachbarstaaten Libanon und Syrien, wo Christen vor Verfolgung weitgehend noch geschützt sind. Nach und nach geht vielen das Geld aus, sie finden im Libanon kaum Arbeit, die Mieten und das Essen sind teuer. Der soziale Abstieg trifft sie besonders hart. Die Spannungen zwischen den einzelnen Flüchtlingsgruppen wachsen mit der Dauer des Krieges.

Marina schiebt wütend ihren Kaugummi im Mund hin- und her und blickt in die Runde. Keiner der Anwesenden unterstützt ihren Ausbruch. Widersprechen will ihr allerdings auch niemand. Die Zeit drängt. Jeder will noch seine persönliche Geschichte erzählen. Doch die Erkenntnis wächst, dass auch die Journalisten nichts an der derzeitigen Situation ändern können. Die Enttäuschung verdunkelt ein Gesicht nach dem anderen.

Hauswart, um die Schule zu bezahlen

"Ich bin Bachir Bachour und lebe mit meiner Frau und meinen beiden Kindern seit fast zwei Jahren im Libanon", sagt der Mann rechts neben Marina in die Stille. Ihre zornigen Worte hängen noch im Raum. 500 Dollar müssten sie für ein Zimmer in einer Zahnarztpraxis bezahlen, wo sie seither zu viert die Nächte verbringen. Manchmal könne er als Hauswart an der Privatschule seiner Kinder aushelfen, aber es reiche bei weitem nicht aus.

Warum er seine Kinder in dieser Notlage denn in eine teure Privatschule schicken würde? "I want my children to have a future", sagt er direkt an die Journalisten gerichtet. Sein Appell ist ihm wichtig. Zuvor wurden alle Unterhaltungen aus dem Arabischen übersetzt. Ein Caritas-Mitarbeiter bestätigt, dass auch Libanesen, die es sich irgendwie vom Mund absparen könnten, ihre Kinder nicht mehr in staatliche Schulen schicken würden. Die seien völlig überfüllt, der Lehrplan kaum einzuhalten.

Kind im Koma

Fabiola Tachiji aus Aleppo ist dran. Sie ist ganz in einen schwarzen Poncho gehüllt, ihre Augen gerötet vom vielen Weinen. Noch bevor sie zu sprechen beginnt, läuft ihr die erste Träne über das Gesicht. Ihr Sohn sei auf dem Weg zur Arbeit durch eine Bombenexplosion verletzt worden. "Die Rettung hat mich angerufen. Als ich hinkam, war alles voller Blut. Ich musste mein eigenes Kind in einer Blutlache sehen“, erzählt sie. Ihre Tochter habe Diabetes.

Bei einer lauten Explosion sei sie durch den Schock für sieben Tage ins Koma gefallen. "Das war der Moment in dem ich beschlossen hab zu fliehen.“ Ihr Mann ist nicht mitgekommen in den Libanon. Fabiola wirkt gepflegt und auf ihre Erscheinung bedacht. Ihre Fußnägel sind rot lackiert, sie trägt goldene Sandalen und schwarze Jeans. Jetzt hängt Rotz unter ihrer Nase, ihr Blick stiert ins Leere.

Eine Geschichte von Hunderttausenden

Auch die anderen erzählen noch von ihrem Schicksal, von Vertreibung und Diskriminierung, die vor dem Bürgerkrieg zwar spürbar war, aber mit dem Konflikt endgültig an die Oberfläche kam. Ein Mann berichtet von medizinischen Behandlungen, die ihm verwehrt wurden, weil ein Patient anderer Konfession bevorzugt wurde.

Der Bischof von Syrien habe die Christen dazu gedrängt zu bleiben, trotz der Gefahr. Ähnliches sagte bereits der Bischof von Jordanien in einem früheren Interview mit dem Standard – die Christen sollen in der Region bleiben, es seien ohnehin schon so wenige. Die wenigsten wissen daher überhaupt, dass es eigene Resettlement-Programme in Europa für sie gibt.

Als der neunte Mann in der Runde nach zwei Stunden an der Reihe wäre von sich zu erzählen, blockt er ab. "Was soll ich Ihnen sagen? Meine Geschichte ist auch einzigartig. Und doch ist sie wie die anderen. Eine Geschichte von Hunderttausenden." (Julia Herrnböck aus Beirut, derStandard.at, 19. Juli 2014)


Disclaimer: Die Reise in den Libanon wurde von der Bawag PSK, einer Sponsorin der Caritas, kofinanziert.

  • Die Judeida-Kirche im gleichnamigen syrischen Dorf nach der Vertreibung des christlichen Bevölkerungsanteils.
    foto: ap photo/hussein malla

    Die Judeida-Kirche im gleichnamigen syrischen Dorf nach der Vertreibung des christlichen Bevölkerungsanteils.

  • Beim Termin mit Journalisten dürfen keine Fotos gemacht werden.
    foto: julia herrnböck/derstandard.at

    Beim Termin mit Journalisten dürfen keine Fotos gemacht werden.

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