Obama zu Flugzeugkatastrophe: "Schandtat unaussprechlichen Ausmaßes"

18. Juli 2014, 23:12
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US-Präsident spricht von "globaler Tragödie" - OSZE-Experten an Absturzstelle behindert - zahlreiche Tote bei Kämpfen in Luhansk

Kiew/Moskau - Der malaysische Passagierjet mit 298 Menschen an Bord ist nach US-Erkenntnissen von pro-russischen Separatisten abgeschossen worden. US-Präsident Barack Obama rief die Konfliktparteien angesichts der "globalen Tragödie" am Freitagnachmittag zu einer sofortigen Waffenruhe auf. Russland wies alle Vorwürfe zurück. OSZE-Experten wurden indes an der Absturzstelle behindert.

"Kein Unfall"

Der US-Präsident wies Moskau indirekt eine Mitverantwortung zu. "Das war kein Unfall. Das passiert wegen russischer Unterstützung", sagte Obama. Ohne diese sei es den Separatisten nicht möglich, "so zu funktionieren, wie sie funktionieren". Der US-Präsident nahm seinen russischen Amtskollegen Wladimir Putin dabei persönlich in die Pflicht. "Wenn Putin entscheidet, dass keine Waffen und keine Kämpfer in die Ukraine gelangen dürfen, dann wird das aufhören." Obama betonte, dass die USA in der Lage seien, ihre Sanktionen gegen Russland zu verschärfen.

Die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Samantha Power, hatte zuvor eine Verstrickung Russlands in den Abschuss von Flug MH017 angedeutet. "Wir können nicht ausschließen, dass russisches Personal beim Betrieb dieser Systeme geholfen hat", sagte Powers dem UNO-Sicherheitsrat in New York bei einer kurzfristig einberufenen Sondersitzung.

Kritik an Obama

Gleichzeitig wählte in den USA einmal mehr Senator John McCain die schrillste Tonlage, um Obama außenpolitische Schwäche vorzuwerfen. Aus Feigheit habe dieser es unterlassen, der Ukraine Waffen zu liefern, "mit denen sie sich verteidigen und verlorenes Territorium zurückerobern kann". Außerdem sollten die USA Truppen ins Baltikum entsenden; in Staaten, die sich vom russischen Präsidenten Wladimir Putin bedroht fühlten.

Hillary Clinton, Obamas frühere Außenministerin, sieht eher die Europäer in der Pflicht. Wenn es Beweise gebe, die Moskau mit dem Abschuss in Verbindung bringen, sollte dies die EU veranlassen, sich stärker aus der Deckung zu wagen: "Es war ein Flug von Amsterdam nach Kuala Lumpur, über europäisches Territorium. Die Empörung in den europäischen Hauptstädten sollte dementsprechend groß sein."

Russland bestreitet Vorwürfe

Russland wies alle Vorwürfe zurück. "Wir verweisen alle Schuld an die Regierung in Kiew", sagte Moskaus UNO-Botschafter Vitali Tschurkin. Er stellte die Frage, warum die Ukraine den Luftraum nicht schon früher gesperrt habe.

Alle 283 Passagiere und 15 Besatzungsmitglieder der Malaysia-Airlines-Boeing waren am Donnerstag ums Leben gekommen, darunter 189 Niederländer, 44 Malaysier, 27 Australier, 12 Indonesier, 10 Briten, je vier Belgier und Deutsche, drei Filipinos und je ein Kanadier und Neuseeländer. Österreichische Staatsbürger waren nach Erkenntnissen des Außenministeriums nicht auf dem Flug eingecheckt. Die betroffenen Länder forderten eine umfassende Überprüfung der Tragödie. Auch Obama und der UNO-Sicherheitsrat forderten eine unabhängige Untersuchung des Absturzes.

"Sicherstellen, dass die Wahrheit ans Licht kommt"

"Wir werden sicherstellen, dass die Wahrheit ans Licht kommt", versprach der US-Präsident, der von einer "Schandtat unsäglichen Ausmaßes" sprach. UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon verurteilte den Jet-Abschuss als "grauenhaften Vorfall" und forderte "ernsthafte und nachhaltige Anstrengungen" für ein Ende der Gewalt. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier sprach von einer "Untat außerhalb jeder Vorstellungskraft". Die Verantwortlichen dafür "haben kein Recht mehr, ihre eigenen Anliegen im Namen der Menschlichkeit einzufordern", sagte Steinmeier am Freitag in Ciudad de Mexico.

Während der russische Präsident Wladimir Putin eine Waffenruhe und einen Dialog der ukrainischen Streitparteien forderte, reagierte die Führung in Kiew empört. "Die Russen sind zu weit gegangen", sagte Ministerpräsident Arseni Jazenjuk. Parlamentspräsident Alexander Turtschinow forderte den Westen zur Lieferung moderner Waffen auf, um das Kriegsgerät der Separatisten zu zerstören. Der polnische Präsident Bronislaw Komorowski äußerte die Hoffnung, dass jetzt "einigen politischen Kreisen die Schuppen von den Augen fallen, was den wahren Charakter des Konflikts (...) angeht".

OSZE-Experten bei Absturzstelle

Experten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) trafen am Freitag an der Absturzstelle ein, wurden dort aber nach OSZE-Angaben behindert. "Sie haben nicht den Zugang erhalten, den sie erwartet haben. Sie haben nicht die Bewegungsfreiheit, die sie für ihre Arbeit benötigen. Die Absturzstelle ist nicht abgesperrt", beklagte Botschafter Thomas Greminger vom Schweizer OSZE-Vorsitz.

Der Ständige Rat der OSZE hatte zuvor nach einer mehrstündigen Sitzung gefordert, dass keine Gegenstände und Trümmer vom Unglücksort entfernt werden dürfen. Die regierungstreue Gebietsverwaltung von Donezk hatte zuvor mitgeteilt, dass zwei Flugschreiber gefunden worden seien.

Nähere Umstände noch immer unklar

Unklar waren weiter die näheren Umstände des Absturzes. Kiew beschuldigte Russland, da die Separatisten keine Raketenflugabwehrsysteme vom Typ "Buk" für den Abschuss von Flugzeugen in ihrem Besitz hätten. Aus Moskau kam umgehend das Dementi. Russland habe weder das Flugabwehrsystem noch sonstiges Kriegsgerät in das Nachbarland geschafft, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums.

Separatistenführer Pawel Gubarew erklärte, der Jet sei im Gebiet Dnipropetrowsk absichtlich so abgeschossen worden, dass er aufgrund seiner Flugbahn in Donezk vom Himmel fallen musste. Und der "Verteidigungsminister" der selbst ernannten "Donezker Volksrepublik", Igor Strelkow, behauptete gar, an Bord der Unglücksmaschine seien viele Leichen transportiert worden - was impliziert, der Absturz sei inszeniert worden, um die Aufständischen zu diskreditieren.

Auch die ukrainische Seite bleibt für ihre erhobenen Anschuldigungen aber bisher Beweise schuldig. Die angeblichen Mitschnitte von Funkgesprächen zwischen Feldkommandanten, die der ukrainische Geheimdienst SBU publikumswirksam auf Youtube veröffentlichte, sind wenig vertrauenerweckend. Zu viel gezielte Fehlinformationen hat der SBU zuletzt abgesetzt.

Luftfahrtverband wies Vorwürfe zurück

Der Direktor des Internationalen Luftfahrtverbands (IATA), Tony Tyler, wies Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Absturz zurück. Keine Fluggesellschaft würde die Sicherheit der Passagiere gefährden, um Sprit zu sparen, betonte er. Die Sicherheit der Flugrouten werde von den Regierungen beurteilt. "Es ist so ähnlich wie beim Autofahren. Ist die Straße offen, so geht man davon aus, dass sie sicher ist. Ist sie geschlossen, sucht man eine Ausweichroute", teilte Tyler in einer Aussendung mit.

Die AUA (Austrian Airlines) strich wegen der Sperre des Luftraums über der Ostukraine ihre Flüge nach Charkow und Dnjepropretrowsk am Samstag und Sonntag und bot betroffenen Passagieren eine Umbuchung an. Die Flüge nach Rostow am Don und Krasnodar, die am Freitag ebenfalls ausgefallen waren, werden jedoch am Samstag wieder aufgenommen.

Mehr als 20 Zivilisten bei Kämpfen getötet

Abseits der Entwicklung um den Flugzeugabsturz dauerten die Gefechte in dem Konfliktgebiet an. Die ukrainische Armee hat am Freitag einen Teil der Rebellenhochburg Luhansk erobert. Verteidigungsminister Waleri Geletej teilte am Abend mit, dass die Streitkräfte den südöstlichen Teil von Luhansk eingenommen hätten. Die Truppen hätten auch den Flughafen der Stadt umstellt.

Die Stadtverwaltung hatte zuvor mitgeteilt, dass bei Kämpfen mehr als 20 Zivilisten getötet worden seien. In Lissitschansk bei Luhansk war nach Artilleriebeschuss eine Raffinerie in Brand geraten. Nach dem Beschuss eines Umspannwerks in Luhansk sei in 85 Prozent der Großstadt der Strom ausgefallen, hieß es. (APA, Reuters, ab, fh, derStandard.at, 18.7.2014)

Kommentar: Kein Krieg - kein Abschuss


Boeing 777-200ER

foto: ap photo/joepriesaviation.net

Die Boeing 777-200ER (ER = Extendend Range) ist ein Langstreckenflugzeug mit gut 14.000 Kilometern Reichweite. Der Typ fliegt seit 1997 im kommerziellen Dienst. Der US-Flugzeugbauer Boeing lieferte bisher nach eigenen Angaben 422 Maschinen vom Typ 777-200ER aus. Malaysia Airlines hatte nach Angaben des Herstellers 15 Maschinen dieses Typs bestellt.

Die Maschine gilt als zuverlässig. Das von einem US-Sicherheitsanalytiker gegründete Portal airsafe.com führt nur wenige Zwischenfälle auf. Unter anderem streifte im Juli 2013 eine Maschine der Asiana Airlines beim Landen in San Francisco eine Mauer und verunglückte. Drei Menschen kamen dabei ums Leben, 304 überlebten.

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  • Ein Separatist in der Nähe der Unglücksstelle bei Grabowe.
    foto: reuters/maxim zmeyev

    Ein Separatist in der Nähe der Unglücksstelle bei Grabowe.

  • OSZE-Mitarbeitern beklagten sich, dass sie an der Absturzstelle von pro-russischen Kämpfern behindert wurden.
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    OSZE-Mitarbeitern beklagten sich, dass sie an der Absturzstelle von pro-russischen Kämpfern behindert wurden.

  • Arbeiter einer Kohlemine sollen den Unglücksort absuchen. Ukrainische Behörden haben nach wie vor keinen Zugang.
    foto: ap/lovetsky

    Arbeiter einer Kohlemine sollen den Unglücksort absuchen. Ukrainische Behörden haben nach wie vor keinen Zugang.

  • Wladimir Putin macht den militärischen Einsatz der Ukraine dafür verantwortlich, dass es zu dem Unglück kam.
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    Wladimir Putin macht den militärischen Einsatz der Ukraine dafür verantwortlich, dass es zu dem Unglück kam.

  • Überreste der Maschine.
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    Überreste der Maschine.

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    In der Ukraine wird der Opfer gedacht.

  • Fotos von der Absturzstelle.
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    Fotos von der Absturzstelle.

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