RTL: "Leuchttürme" ohne "ratzfatz"

18. Juli 2014, 17:43
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Was haben Larissa Marolt, Götz von Berlichingen und EM-Qualifikation gemein? Sie sind Teil der von RTL ausgerufenen „Highlight-Strategie“. 

Hamburg - In der Unterhaltungsshow Henssler hinter Gittern rühren Rechtsbrecher mit dem Fernsehkoch Steffen Henssler in Töpfen. Dass verurteilten Tätern eine Bühne geboten werde, verurteilte nach Erstausstrahlung das niedersächsische Landeskriminalamt. RTL-Chef Frank Hoffmann hält die Diskussion für "ein bisschen absurd". "Wir stellen nichts schöner dar, als es ist", sagte Hoffmann beim Programmscreening in Hamburg. Die Tat eines zu 14 Jahren verurteilten Protagonisten wertet Hoffmann als "schlimm". Nichtsdestotrotz habe er "ein Recht auf Resozialisierung."

Wie auch immer man das werten mag: Die Programmsaison startete für den Kölner Privatsender nicht unbedingt nach Plan. Auf mehr dieser Aufregungen dürfte man verzichten können. Denn was die Marktanteile betrifft, hat RTL schon bessere Zeiten gesehen. Insgesamt steht ein Verlust von 2,7 Prozentpunkten innerhalb zweier Jahre (von 14,1 auf 11,3 Prozent) in Deutschland zu Buche. Erstmals seit 22 Jahren musste RTL im Juni in der jungen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen die Marktführerschaft abgeben. Die WM sorgte in diesem Monat für einen Absturz auf 10,6 Prozent nach 13,4 Prozent ein Jahr zuvor.

"Highlight-Strategie", nennt Hoffmann seine Antwort. Die Chancen, dass sich der Trend 2014/2015 umkehrt, stehen gut. Hoffnungsträger ist König Fußball: Qualifikationsspiele zur EM 2016 und zur WM 2018 laufen im Privatfernsehen. Insgesamt darf RTL von September 2014 bis Ende 2017 20 Spiele live und exklusiv im Free-TV übertragen. Kolportierte 100 Millionen Euro habe der Sender für die EM-Rechte nicht gezahlt, sagte Hoffmann. "Aber sie waren uns definitiv viel wert." Der WM-Sieg Deutschlands sei eine "ideale Rampe". Von den Rechten für die WM 2018 in Russland lässt er aus Kostengründen die Finger: "Da wäre ratzfatz ein Großteil unseres Programms weg".

In die Tasche griff der Sender für den Showevent im Sommer: Rising Star soll RTL ebenfalls aus dem Quotenloch hieven. Die israelische Castingshow gilt derzeit als Nonplusultra im Showbusiness, vorausgesetzt die App funktioniert. In Brasilien gab’s zuletzt Probleme. Pannen in Jörg Pilawas Quizduell sind in Erinnerung.

Programmtrends sieht der RTL-Chef nicht. Generell sei Fernsehen geprägt von "großen Leuchttürmen", Rising Star programmiert er deshalb ab 29. August donnerstags mit der Datingshow Adam sucht Eva und Was wäre wenn? mit Jan Böhmermann und Katrin Bauerfeind. Die Co medy ist für Hoffmann zwar "kein Quotengarant", aber ein "Signal für die junge Zielgruppe".

Ein weiterer "Leuchtturm" könnte eine Miniserie über Hitlers junge Jahre werden, veranschlagt für 2017. Eine Dokusoap über Larissa Marolts Leben ist ebenfalls im Entstehen. Die Kärntnerin hält Hoffmann für "wunderbar unprätentiös" und "brutal authentisch". Henning Baum als grobschläch tiger Götz von Berlichingen, Filme über Deutschland in den 1980er-Jahren und Starfighter-Abstürze in den 1960ern versprechen televisionär opulente Kost. Zusätzliche Einnahmen über internationale Rechteverkäufe sind ihm dabei nicht wichtig: "Unsere Strategie ist, Relevanz zu transportieren."

Das Interesse von RTL-Group-Chefin Anke Schäferkordt an ATV dürfte unterdessen intakt sein, entscheidende Verhandlungen mit Eigentümer Herbert Kloiber scheiterten zuletzt am Preis. Nach Standard-Infos signalisierte ATV-Eigentümer Herbert Kloiber aber schon Bereitschaft zum Nachjustieren. (Doris Priesching, 19./20.7.2014)

  • Frank Hoffmann, RTL-Chef.

    Frank Hoffmann, RTL-Chef.

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