Umwandlung des Lebensraums in eine Abfallwüste

18. Juli 2014, 17:34
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Alain Platel eröffnet das diesjährige Impulstanz-Festival im Volkstheater mit seinem ambivalenten Stück "Tauberbach"

Wien - Unsere Welt ist genau jene Müllhalde, die die Krone der Schöpfung im laufenden Zeitalter des Anthropozän aus dem Planeten Erde macht. Für diese Welt hat der renommierte belgische Choreograf Alain Platel mit Tauberbach, dem im Volkstheater gezeigten Eröffnungsstück des Impulstanz-Festivals, mit seiner Gruppe Les Ballets C de la B eine eindringliche Metapher geschaffen.

Platels Bühnen-Deponie besteht ausschließlich aus weggeworfenen Kleidungsstücken: den abgelegten Stofffassaden zahlreicher Körper also, in denen sechs von ihrer Gesellschaft abgelegte Menschen leben. Eine dieser entsorgten Existenzen - und die Protagonistin im Stück - ist eine von Elsie de Brauw eindrucksvoll verkörperte ältere Frau. Ihre Figur hat Platel der Filmdokumentation Estamira von Marcos Prado aus dem Jahr 2004 entnommen. Was bei Prado noch die Wiedergabe der Realität auf einer Müllhalde bei Rio de Janeiro war, wird nun von dem Choreografen in eine getanzte und gespielte ästhetische Komposition übersetzt.

Das klingt erst einmal schwierig. Und tatsächlich zeigt der Verlauf von Tauberbach, wie riskant dieses Unterfangen ist. Denn nichts kommt in Bühnenarbeiten lähmender daher als die gefällige Verwandlung von sozialer Wirklichkeit in ästhetizistischen Sozialkitsch, deren Schöpfer sich an ihrer eigenen Raffinesse weiden.

Als solcher Kitsch könnte Platels von zwei Dramaturgen begleitete Arbeit auch aufgefasst werden. Einige der bisher veröffentlichten Texte über Tauberbach legen das nahe.

Darin wird unter anderem angedeutet, es ginge Platel um das Schöne im Hässlichen oder um die psychologische Ausdeutung der "verrückten" Estamira und ihrer Umgebung oder um die Begegnung von Theater und Tanz. Das führt in reichlich abgegrastes Gelände. Schön ist daher, dass dieses sehr solide gearbeitete Stück auch noch eine andere Sprache spricht. Und dass es unter seiner künstlerisch abgetragenen Verkleidung ein überraschend gut funktionierendes Eigenleben führt.

Darin entpuppt sich die innere Stimmen hörende und mit diesen kommunizierende Estamira als Modell für das gesamte Stück. In diesem erklingt aus dem Off wiederholt ein Gehörlosenchor, der Kantaten von Johann Sebastian Bach zu singen versucht und daran so großartig scheitert, dass etwas ganz Neues entsteht. Das ist der Inhalt von Artur Zmijewskis Projekt Tauber Bach, mit dem Platel seinem Stück Tauberbach eine innere Stimme hinzufügt.

Diese doppelte Ebene innerer Stimmen lässt die Verrücktheit des Lebens auf der Bühnen-Halde als Gleichnis für das Leben auf unserem vermüllten Planeten erkennen. So wird recht unverstellt auf die Realität verwiesen: Die so bekannte wie anscheinend unveränderliche Umwandlung des menschlichen Lebensraums in eine Abfallwüste ist das Ergebnis einer tatsächlichen, als Massen- wie Elitenphänomen grassierenden Verrücktheit. Und diese wird von mysteriösen Kakofonien und mystischen Einflüsterungen begleitet, deren Kreischen und Raunen sich sowohl im Individuum als auch in ganzen Gesellschaften in Form abstruser profaner oder esoterischer Ideologien einnisten.

Dazu wieder passt das manierierte Verrücktheitsgetue der Tänzerinnen und Tänzer auf Platels Bühne hervorragend: Die ganze Sinnlosigkeit ihrer raffiniert gesetzten Bewegungen, ihr teils provokant affektiertes Verhaltensdekor erscheint als scharfe Karikatur der verkrampften sozialen Rituale, mit denen sich ganz normale Menschen durch die Halden ihres Alltags mühen.

In diesem Zusammenhang wird ein eher plump geratenes Sexduett zur Metapher dafür, was der Philosoph Byung-Chul Han als "Agonie des Eros" in der Gegenwart bezeichnet, und eine gestellte Prügelszene führt eine Lust an der Gewalt vor, wie sie für eine emotional erkaltende - "coole" - Kultur charakteristisch ist.

Insgesamt ist Tauberbach eine hervorragende Darstellung dessen, was man sich unter narzisstischen Störungen vorstellt, die durch eine Will-haben-Ideologie kultiviert und mittels der von Platel genutzten Tanzästhetik unnachahmlich abstoßend sichtbar gemacht werden. Estamira scheint von all dem Getue genug zu haben. "Go to hell!", schreit sie ihre innere Stimme an. Diese antwortet sanft: "Go to heaven." Patt. Die Hölle ist schon da. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 19./20.7.2014)

Bis 20.7.

  • Alain Platels Les Ballets C de la B in Zusammenarbeit mit den Münchner Kammerspielen in "Tauberbach" beim Festival Impulstanz.
    foto: julian roed

    Alain Platels Les Ballets C de la B in Zusammenarbeit mit den Münchner Kammerspielen in "Tauberbach" beim Festival Impulstanz.

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