Sprache ist mehr als bloße Politik

Kommentar der anderen18. Juli 2014, 17:06
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Im neu aufgeflammten Streit um eine geschlechtergerechte Sprache sitzt die Wahrheit wieder einmal zwischen den Stühlen. Plädoyer für ein gendersensibles, aber auch entkrampfteres Schreiben und Reden

"Dieses Buch wird vielleicht nur der verstehen, der die Gedanken, die darin ausgedrückt sind, selbst schon einmal gedacht hat." - Hin und wieder gebe ich Schreibkurse an der Universität Wien, und das Vorwort zu Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus dient dabei als Beispiel für einen stilistisch brillanten, gedanklich tiefen Text, der ganz ohne akademisches Geschnörkel auskommt.

Oft höre ich dann den Einwand, der oben zitierte Satz sei schlecht, weil er nicht gendergerecht formuliert ist. Stimmt, da haben wir ein Problem. Ludwig Wittgenstein hat mit seinem "der" die Frauen noch nicht einmal generalklauselmäßig mitgemeint. Wenn man seinen Satz aber korrekt "gendert", ist es auch aus mit der Eleganz, dem Rhythmus, der Schnelligkeit und überhaupt dem ganzen Beispiel.

Offenbar ist es schwierig, wenn nicht gar unmöglich, stilistisch schön und zugleich geschlechtergerecht zu formulieren. Alle diesbezüglichen Richtlinien laufen nämlich genau dem zuwider, was man als Regeln für flüssiges, gutes Schreiben kennt. Gendergemainstreamt wird die deutsche Sprache unpersönlich und erstickt in Partizip-Konstruktionen (die Studierenden), sie wird grammatikalisch passiver ("herausgegeben von"), umständlicher ("liebe Benützerinnen und Benützer") und bürokratischer. JedeR, der/die im Journalismus arbeitet, weiß das, und daher wird das "Gendern" gerade in Zeitungen geflissentlich unterschlagen.

Die Debatte um politisch regulierte Sprache ist zäh und abgedroschen, auch der neulich lancierte "Offene Brief zum Thema sprachliche Gleichbehandlung" kocht das alte Süppchen wieder auf, dessen Bestandteile, vom "generischen Maskulinum" bis zur angeblichen Unlesbarkeit des Binnen-I, alle schon zur Genüge wiedergekäut sind. Interessant an dem ewig-nervigen Streit sind nicht die einzelnen Argumente, sondern die allgemeine Frage, wie sich eigentlich Sprache und Politik zueinander verhalten.

Dass Sprache ein Instrument der Politik sein kann, ist klar. Doch es gibt zwei Weisen, das zu verstehen. An den Universitäten hat sich, zumindest in den geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächern, die Überzeugung durchgesetzt, dass Sprache komplett politisch durchtränkt sei, dass es also keinen "reinen Kern" der Sprache gebe und daher natürlich auch keinen wirklich guten Stil. Egal, was wir sagen, es ist immer schon politisch.

Die Verfasserinnen und Verfasser des "Offenen Briefs" dagegen reklamieren eine unschuldige "sprachliche Normalität", historisch gewachsen und um Verständlichkeit bemüht, die nun unter der bürokratischen Fuchtel einiger Wahnsinnsfeministinnen aufs politisch korrekte Maß zurechtgehämmert werde. Daher möchte man einige Errungenschaften gerne wieder loswerden wie den weiblichen Index bei der Magistra (Mag.ª) und der Doktorin (Dr.in), der mir - aus der Sicht einer Deutschen - immer als unangestrengt fortschrittlicher Austriazismus erschien.

Beleidigte Erbsenzähler

Ist Sprache an sich politisch? Oder ist ihr die Politik nur "von oben" aufgesetzt wie ein Hut? Vermutlich sitzt die Wahrheit, wie so oft, zwischen den Stühlen. Suchen wir sie zwischen den Fronten des Sprachkampfes, deren Vertreter/innen sich auf beiden Seiten oft aufführen wie beleidigte Erbsenzähler. Sprache ist immer politisch, und sie ist trotzdem mehr als bloße Politik. Sie ist ein Denkwerkzeug. Es muss an ihr etwas geben, das über Politik hinausgeht, vielleicht auch etwas, das einfach nur "schön" ist, "elegant" oder "klug". Deswegen darf man auch Wittgenstein lesen, ohne sich zu empören.

Bevor aber die offenen Briefschreiber jetzt "Bravo" rufen, sei hier ein starkes Plädoyer für ein freies, reflektiertes, gendersensibles Schreiben und Reden angefügt. Texte zeigen, ob sie Frauen oder andere Geschlechtlichkeiten berücksichtigen. Dazu müssen sie allerdings nicht streng "durchgegendert" sein, sie können Marker setzen, mal zwischen "sie" und "er" wechseln, mal von Architekten und dann von Ärztinnen reden, mal die Brüder in die Nationalhymne nehmen und mal die Schwestern. Aber die Perspektive ist wichtig.

Phallische Linien

Wenn man nicht immer wieder daran erinnert, geht erfahrungsgemäß die weibliche Endung im allgemeinen patriarchalen Trägheitsgesetz unter. In ganz pragmatischer Hinsicht will ich auch eine Lanze für das Binnen-I, brechen, jene phallische kleine Linie, die, weil man sie beim lauten Lesen nicht hört, offenbar Kastrationsängste auslöst.

Dabei ist sie praktischer als jede andere Form, und ich würde mir wünschen, ich dürfte sie hin und wieder auch im Print-Standard verwenden. Das ist aber - wer diktiert hier eigentlich? - "von oben" nicht vorgesehen. (Andrea Roedig, DER STANDARD, 19.7.2014)

Andrea Roedig, geboren in Düsseldorf, lebt seit 2007 als freie Publizistin in Wien. Sie ist Mitherausgeberin der Zeitschrift "Wespennest". Zuletzt veröffentlichte sie das Buch "Über alles, was hakt. Obsessionen des Alltags" (Klever-Verlag 2013).

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