Flug MH17 - Warten auf die Daten aus der Blackbox

18. Juli 2014, 16:54
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Viel spricht für die Annahme eines Abschusses der Boeing 777. Für eine seriöse Bewertung es ist allerdings die Auswertung der Daten unverzichtbar

Stürzte Flug MH17 durch einen Technikdefekt ab oder doch durch einen Abschuss? Für eine zuverlässige Beantwortung dieser Frage müsse man über die relevanten Daten der Blackbox verfügen, sagt Oberst Gerfried Promberger vom österreichischen Bundesheer im Gespräch mit dem Standard. "Ohne diese Daten muss man seriöserweise vorerst beide Varianten verfolgen."

Eine Blackbox besteht aus zwei Systemen: Das eine zeichnet unter anderem Daten wie Flughöhe, Geschwindigkeit und Richtung des Fliegers auf. "Zusätzlich werden alle Gespräche im Cockpit aufgezeichnet", erklärt Gerald Aigner vom Luftfahrtmagazin Austrian Wings dem Standard. "Wenn man die Blackbox ausliest, dann kann man mit Sicherheit schnell herausfinden, ob es ein technisches Problem gegeben hat, an dem gearbeitet wurde. Denn auch wenn nicht zu einer Bodenstation gefunkt wurde: Es gab mit Sicherheit einen Wortwechsel von Kapitän und Co-Pilot im Cockpit, der Rückschlüsse erlaubt."

Das sieht auch Promberger, Kommandant beim Überwachungsgeschwader in Zeltweg, so: "Ein technisches Problem besteht meist aus minutenlangen Fehlerketten. Und diese lassen sich durch Datenauswertung und Gesprächsaufzeichnung sehr zuverlässig nachvollziehen."

"Großes, fast kreisrundes Loch"

Für Aigner bleibt die Abschusstheorie, von der mittlerweile auch die US-Geheimdienste ausgehen, die wahrscheinlichere. Die zahlreichen im Internet und über die Medien kursierenden Fotos und Videos weisen für Aigner ziemlich deutlich darauf hin, dass die Boeing 777 der Malaysia Airlines abgeschossen wurde. "Auf einem Wrackteil ist ein großes, fast kreisrundes Loch zu sehen. Das könnte durchaus von einem Geschoß stammen."

Oberst Promberger gibt zu bedenken, dass - sollte das Flugzeug tatsächlich von einer radargesteuerten Rakete des Typs Buk getroffen worden sein - die Handhabung eines solchen Waffensystems Expertenwissen voraussetzen würde. Es würde nicht ausreichen, eine Rakete einfach visuell abzufeuern: Das Flugzeug müsste von Fachpersonal per Radar angesteuert werden. Ein Argument, das wohl eher gegen die Theorie spricht, dass das Raketensystem von Separatisten - es sei denn speziell geschulten - eingesetzt wurde.

Radargelenkte Rakete

Laut Promberger sei es prinzipiell möglich, mit einer radargelenkten Rakete ein Verkehrsflugzeug in großer Höhe - rund 10.000 Meter - zu treffen, sofern man es eindeutig ansteuert. Hingegen sei ein Treffer mit einer Rakete, die als Zielsystem bloß die Triebwerkshitze nützt, in so großer Höhe nicht möglich. Solche Lenkraketen kommen bei Kampfhandlungen dennoch zum Einsatz, da die meisten militärischen Flugbewegungen - Transportflüge, Luftkämpfe - meist in deutlich niedrigerer Höhe als die zivile Luftfahrt stattfinden.

"Das ist auch der Grund, warum es nicht überraschend ist, dass bis dato der zivile Luftverkehr über der Ostukraine aufrechterhalten wurde", erklärt Promberger und verweist auf die Balkankriege in den 1990er-Jahren: Auch damals mussten die Flugrouten nicht oder nur geringfügig geändert werden. Sogar über Afghanistan könne geflogen werden, bestätigt Aigner.

"777 fällt nicht so einfach wie ein Stein vom Himmel"

Für den zivilen Luftfahrtexperten Aigner legt nicht zuletzt die fast schon legendäre Zuverlässigkeit der Boeing 777 den Schluss nahe, dass es sich um einen Abschuss gehandelt haben dürfte: "Sie ist seit knapp 20 Jahren im Dienst, mit sehr wenigen Zwischenfällen. Sie punktet durch eine sehr, sehr hohe Zuverlässigkeit." Ein technischer Defekt, der zum Absturz führt, müsse schon sehr gravierend sein. Und das sei sehr unwahrscheinlich. Aigner: "Die Tripleseven fällt nicht so einfach wie ein Stein vom Himmel. Das ist fast ausgeschlossen." (Gianluca Wallisch, DER STANDARD, 19.7.2014)

  • Die Absturzstelle bei Grabowo im Osten der Ukraine
    foto: reuters

    Die Absturzstelle bei Grabowo im Osten der Ukraine

  • Oberst Gerfried Promberger
    foto: bundesheer

    Oberst Gerfried Promberger

  • Zivilluftfahrt-Experte Gerald Aigner
    foto: regina courtier

    Zivilluftfahrt-Experte Gerald Aigner

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