Dachlandschaften der Wiener Hofburg: Karamellduft, Ochsenblut und Kino im Kopf

Ansichtssache18. Juli 2014, 17:04
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Wien - Es riecht nach reifem, süßem Holz. Ein Duft, der an Karamell erinnert. Die Dachstühle der Wiener Hofburg sind düster und staubig. Die Luft aber ist trocken und warm; ganz anders als in einem modrigen Keller.

regine hendrich

18 Trakte umfasst der riesige Gebäudekomplex der Hofburg, mit einem Areal von rund 500.000 Quadratmetern. Er beherbergt Institutionen und Museen wie die Präsidentschaftskanzlei, die Nationalbibliothek oder die Albertina.

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So zahlreich die Einrichtungen, so umfangreich sind die Dachlandschaften, die sich labyrinthartig aus dem ehemaligen Wintersitz der Habsburger erheben und ihren Abschluss in den grün verfärbten Kupferkuppeln und den in jüngerer Zeit mit orange-braunen Schindeln ausgelegten Dächern finden. Es würde vermutlich Tage oder sogar Wochen dauern, sie alle zu erkunden.

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Allein im Dachstuhl des Schweizertraktes kann die Entdeckungstour mehrere Stunden in Anspruch nehmen, und das, obwohl es auf den ersten Blick nicht viel zu sehen gibt - die Dachstühle stehen großteils leer und scheinen keinem bedeutsamen Nutzen zu dienen.

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Doch das spärliche Licht der Neonröhren gibt die Sicht frei auf die über Jahrhunderte erhaltenen barocken Holzkonstruktionen, die das Kino im Kopf sofort anlaufen lassen.

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Der älteste Dachstuhl, jener über der Burgkapelle, geht sogar auf das mittelalterliche Jahr 1420 zurück, als man Holz noch mit Ochsenblut einrieb, um es vor Umwelteinflüssen zu schützen.

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Dass die Burgkapelle aus der gotischen Epoche stammt, verrät auch ihre ehemalige Außenmauer. Über den Dachstuhl des Vorbaus, den Maria Theresia errichten ließ, ist ein kleines Stück heute zugänglich.

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Zwischen Fialen, Kreuzblumen und Wimpergen finden sich auch eingeritzte Kritzeleien, die sich im Laufe der Jahrzehnte angesammelt haben: "Ulehla und Peppi 1959" steht da etwa geschrieben. Ein Stückchen weiter lässt sich das Bild einer rundlichen, nackten Frau in Strapsen erkennen - über ihrem Kopf ist das Jahr 1861 in den Stein geritzt.

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Allein fühlt man sich in den Dachstühlen niemals. Das liegt nicht nur an der Legende von der in weiß gekleideten Dame, die angeblich in der Hofburg spukt, oder an den einsamen Tauben, die sich manchmal unter die Dächer verirren. Das knarrende, alte Holz, die abgelegenen Ecken inspirieren zu Fantasien über Adelige und ihre Mätressen, über verschwundene Schätze und dunkle Geheimnisse. An die jüngere Geschichte erinnern die vielen Löschvorrichtungen, die seit dem verheerenden Redoutensaalbrand im Jahr 1992 erweitert wurden.

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Heute dienen die Dachstühle als Wasserschutz für die Stockwerke darunter, zum Teil als Lagerraum für Schindeln; aber auch als Ort, an dem die Mitarbeiter der Burghauptmannschaft nach eigener Aussage den Kopf freibekommen können. (Christa Minkin, DER STANDARD/derStandard.at, 18.7.2014)

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