Angelika Kirchschlager: "Meine Festplatte war übervoll"

Gespräch18. Juli 2014, 17:09
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Die Sängerin kehrt nach einer Pause mit den "Geschichten aus dem Wiener Wald" auf die Bühne zurück. Im August wird sie dann auch Meisterkurse auf Schloss Gutenstein geben

Wien - So man, wie Angelika Kirchschlager, schon gute zwei Jahrzehnte Teil der Musikwelt - mit spezieller Berücksichtigung der Oper - ist, sind Überraschungen vielleicht nicht mehr an der Tagesordnung. Buchfüllende Ausmaße an Erfahrungen werden längst den Weg der Salzburgerin gekreuzt haben. Dann aber - rund um die nahende Bregenzer Uraufführung von HK Grubers Geschichten aus dem Wiener Wald - führt der Zufall plötzlich in einer lustigen Art Regie, die auch Kirchschlager staunen ließ.

"Ich bin ja in dieser Oper eine Trafikantin mit jungem Liebhaber, eine Witwe - so ist die Rollenbeschreibung für die Valerie", so Kirchschlager. "Ich habe also ein bisschen recherchiert und gelesen, dass Ödön von Horváth seine Geschichte in einer stillen Gasse im achten Wiener Bezirk angesiedelt hat, in dem auch ich wohne. Es ist die Lange Gasse 29." Dort stehe aber nicht nur tatsächlich immer noch "das Haus, wo sich im Stück die Puppenklinik befindet. Nebenan ist auch noch eine Trafik, in der ich immer einkaufe. Ich bin im Stück also gewissermaßen die Trafikantin meiner eigenen Trafik. Übrigens hat Horváth in der Piaristengasse gewohnt. Dort wohne ich auch ..."

Zurzeit natürlich eher weniger. Kirchschlager probt für die am Mittwoch stattfindende Uraufführung, mit der die Bregenzer Festspiele indoor beginnen. Und sie studiert eigentlich den ganzen Tag. Neben den Proben "muss man ja auch selbst noch an den Dingen feilen. Es ist aber herrlich. Die Stimmung ist gut, alle sind nett, und ich finde es toll, dass der Komponist auch Dirigent ist. Da ist man nahe an der Quelle. Und ,Nali' ist wahnsinnig flexibel, uneitel, authentisch." Was HK Gruber komponiert hat, sei ziemlich "raffiniert. Auch Kollegen haben es mir bestätigt: Man beginnt eine Partie zu lernen und denkt, es sei alles gar nicht so schwer. Die Musik geht schnell ins Ohr, wird zum Ohrwurm. Damit täuscht man sich aber gründlich, denn die Musik ist rhythmisch komplex. Wenn man sie verinnerlicht hat, klingt es ganz organisch, die Leute werden denken, es sei eh alles einfach. Es braucht jedoch viel Arbeit, und ich habe eine irrsinnig große Partie."

Gruber käme es, so Kirchschlager, "hauptsächlich auf die Sprache an. Ich finde es spannend, wie wortbezogen er das komponiert hat. Man muss diesen Sprachduktus verinnerlichen. Wenn alles gutgeht, klingt es am Ende so, als würden wir quasi sprechen. Alles ist sehr genau notiert."

Die nötige Pause

In gewisser Weise ist der Auftritt in Bregenz auch eine Art Comeback für Kirchschlager; in den letzten vier Monaten hatte sie bewusst eine Pause eingelegt: "Ich hatte mich etwas überschätzt, mir zu viele neue Sachen vorgenommen, meine Festplatte war übervoll. Erstaunlicherweise hat sich die Stimme gar nicht gemeldet, sie ist robust. Aber Freunde, die mich schon lange kennen, meinten, so erschöpft hätten sie mich noch nie gesehen. Ich musste also einen radikalen Schritt setzen und habe dann am 27. Februar schweren Herzens die nächsten Termine abgesagt. Ich habe vier Monate nichts gesungen."

Die Gutenstein-Meisterklasse

Natürlich musste man danach "alles wieder hochfahren", für Bregenz rechtzeitig wieder in Form kommen. Dabei half auch Kirchschlagers Lehrer Gerhard Kahry, mit dem sie Ende August auf Schloss Gutenstein eine Meisterklasse leiten wird. "Das freut mich, davon träume ich schon lange. Ich versuche ja das weiterzugeben, was er mir vermittelt hat. Beim Unterrichten habe ich mir oft gedacht: ,Wenn er jetzt nur da wäre.' Es im Duo zu machen ist natürlich ein Experiment."

Kirchschlager wählt die Studenten nicht selbst aus: "So begegne ich Leuten, die mich viel mehr herausfordern. Unterrichten ist überhaupt etwas Beglückendes, wobei ich keine Stimmformerin bin, es geht mir eher um die Persönlichkeit. Ich will, dass sich das Potenzial des Einzelnen voll entfaltet. Ich experimentiere damit, Interpretation und Technik über die Präsenz der Sänger zu vermitteln."

Es sei erstaunlich: Wenn man die Leute dazu bringt, "Rückgrat zu zeigen, mutig zu sagen, was sie denken, wirkt sich das auf deren Stimme aus. Man kann etwa keinen Fokus in der Stimme haben, wenn man keinen in den Augen hat. Ich kann mir die Ohren zuhalten und sehe an den Augen, ob die Stimme sitzt oder nicht." (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 19.7.2014)

23.7. "Geschichten aus dem Wiener Wald", Bregenzer Festspielhaus, 19.30

  • Angelika Kirchschlager zum Einstudieren von HK Grubers neuer Oper: "Man denkt, es sei alles nicht so schwer. Die Musik geht ins Ohr, wird zum Ohrwurm. Damit täuscht man sich aber gründlich."
    foto: epa/herbert neubauer

    Angelika Kirchschlager zum Einstudieren von HK Grubers neuer Oper: "Man denkt, es sei alles nicht so schwer. Die Musik geht ins Ohr, wird zum Ohrwurm. Damit täuscht man sich aber gründlich."

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