Für Vaterland und Muttersprache

Kolumne18. Juli 2014, 17:13
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Sprache muss sich ändern

Der Sommer ist da. Und mit ihm das Sommerloch. Ein Sommerloch ist ein wenig wie ein Loch im teuren Perserteppich: Man möchte es kaschieren, um weiterhin elegant zu wirken. Über ein Teppichloch kann man eine Porzellanvase mit hohen Blumen in dezenten Farben stellen. Über das Sommerloch stellt man ein Thema, das außerhalb des Loches (leider!) wenige Chancen hätte, wild diskutiert zu werden.

Das Sommerloch ist ein Raum der vertanen Chancen und erstaunlicher Zusammenballungen. Es unterschreiben 800 Menschen einen offenen Brief, in dem sie eine Rückkehr zur Normalität wünschen. Und kein Binnen-I. Unter den Unterzeichnenden einige, von denen ich das niemals erwartet hätte. Somit hatte das Sommerloch für die erste Überraschung gesorgt.

Ob 800 Leute ausreichen, um so weitreichende Änderungen zu verlangen und dabei für die Mehrheit zu sprechen? Und gesetzt den Fall, dass die Mehrheit diese Form tatsächlich untragbar findet und nicht bereit ist, eben passendere neue zu finden, so sei sie daran erinnert, welche Wellen vor der Einführung des Frauenwahlrechts hochgingen.

Wollen wir in solche Zeiten zurück oder nur in jene, als es noch das Familienoberhaupt gab, das über Frau und Kind bestimmen konnte? Wie original ist überhaupt das originale Deutsch? Wie viele Jahrhunderte möchten wir zurückgehen?

Das sage ich als eine, die das Binnen-I als schwierig und nicht als perfekte Lösung empfindet. Zu Zeiten, in denen Töchter neben Söhnen bereits ein Eklat sind, wird man bei solchen Vorstößen doch hellhörig. Sprache kann Gesellschaft formen – so oder so. Der Verein Muttersprache, in dessen Wiener Sprachblättern der Brief der 800 veröffentlicht wurde, bietet neben dem Kampf gegen Anglizismen auch Querverbindungen zu der vom DÖW als rechtsextrem eingestuften Organisation "Österreichische Landsmannschaft".

Ob das die zu Normalität Aufrufenden gewusst haben? Stuhlgewitter statt Shitstorm? Meinetwegen. Die Globalisierung mit all ihren Vor-und Nachteilen wird auch das nicht aufhalten. Das, was dabei bitter aufstößt wie ein 100 Jahre altes Gulasch: Ähnliche Aufrufe fanden bereits 1914 statt. „Die Franzosen und die Engländer sind unsere Feinde. Meidet die aus ihren Sprachen in unser gutes Deutsch eingeschmuggelten entbehrlichen (...) Ausdrücke. Deutsch und rein sei unsere Sprache!“ Nachzulesen in der Sammlung der Wienbibliothek im Rathaus.

Wer sich um Verarmung der deutschen Sprache sorgt, kann übrigens genau dort ansetzen, wo Not an Mann und Frau ist: im zugesparten Bildungsbereich. Das Streichen des a von Magistra wird dieses Problem nicht lösen. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 19./20.7.2014)

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