Fahren wie Gott in Frankreich

23. Juli 2014, 16:23
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Wer mit dem Auto nach Frankreich reist, sollte diesen Text nicht lesen. Es sei denn, er glaubt, er sollte ihn erst recht lesen. Oder vielleicht doch nicht mit dem Auto nach Frankreich fahren

Es ist wie mit der Lotterie: alles eine Frage der Statistik. Bloß denkt man beim Autofahren nicht an Lottozahlen, sondern an Stoppschilder oder Radarfallen. Aber unbewusst beschleicht einen in Frankreich dennoch ein leicht mulmiges Gefühl - selbst wenn man im Cabrio unter den schnurgeraden Baumalleen des Midi gondelt, den Salzgeruch des Meeres in der Nase oder die Melodie von La vie en rose auf den Lippen.

"Dass in Frankreich weiterhin Hunderttausende ohne Führerschein kutschieren, blendet die Nation aus": ein kleines historisches Verkehrstohuwabohu à la française ...


Statistisch belegtes Gefühl der Unsicherheit

Dieses Gefühl der Unsicherheit ist, wie gesagt, statistisch belegt: Etwa fünf Prozent der Autos, die einem in Frankreich auf der Landstraße entgegenkommen, werden von einem Fahrer gesteuert, der keinen Führerschein hat, der also etwa nie beweisen musste, dass er den Unterschied zwischen einem Brems- und einem Gaspedal kennt. Und nicht ganz die Hälfte von ihnen hat keine Fahrzeugversicherung, was unter anderem dann von Belang ist, wenn Sie beim Stoppschild von hinten gerammt werden, weil der Fahrer hinter Ihnen das Brems- mit dem Gaspedal verwechselt hat.

So viel zur Theorie. Nehmen wir einen konkreten Fall. Junior ist ein junger Chauffeur aus der Gemeinde Villiers-le-Bel nördlich von Paris. Er liefert für eine kleine Firma seit Jahren Waren aus. Nur einen Führerschein hat er nicht. Das sei nichts Besonderes, rechtfertigte er sich gegenüber dem Lokalblatt: "Ein Drittel der Jungen in meiner Wohnsiedlung haben das Fahren auch allein gelernt." Oder mit Polizeikontrollen umzugehen. Junior wurde schon mehrmals angehalten, bestand diese praktische Prüfung aber stets mit Bravour. "Ich sage, ich hätte den Führerschein zu Hause vergessen, und gebe den Namen eines anderen an. Der geht dann mit seinem Ausweis auf die Wache." Heute hat Junior mit diesem Verfahren große Routine.

foto: reuters/charles platiau

Frisierte Schilder

Andere lassen es gar nicht erst so weit kommen. Oder fast nie. Im Juni wurde ein 62-jähriger Nordfranzose in der Kohlepott-Gemeinde Harnes angehalten, weil er keine Sicherheitsgurte trug. Den verblüfften Gendarmen erklärte er, sein Vater habe ihn im Alter von zehn Jahren fahren gelehrt. Seither war er ohne Fehl, Tadel und Führerschein herumgefahren. Sein Renault war auf den Namen seiner Frau registriert und versichert. In die regionale Presse schaffte es der Fall nur, weil der Mann 52 Jahre ohne gültigen Fahrausweis am Steuer gesessen hatte. Hunderttausenden wird diese Publicity nicht zuteil, obwohl sie sich wie der Bürger aus Harnes ans Steuer setzen: ohne je eine Fahrprüfung abgelegt zu haben.

Ihre Zahl ist so groß wie ihr Schicksal banal. Die Sécurité Routière, die Verkehrssicherheit, schätzt ihre Zahl auf 300.000, der Automobile Club auf 450.000, der Kriminologe Christophe Naudin gar auf 2,7 Millionen, weil er korrekterweise auch die gefälschten Führerscheine und frisierten Nummernschilder einschließt - die sind in Frankreich Legion. Nimmt man mangels offizieller Angaben einen Mittelwert der genannten Schätzzahlen, kommt man auf den erstaunlichen Befund, dass bei 38 Millionen Autofahrern knapp fünf Prozent aller Franzosen ohne Ausweis herumrollen.

Das letzte Tabu der französischen Gesellschaft

"Rouler sans permis", d. h. Fahren ohne Führerschein, ist das letzte Tabu der französischen Gesellschaft. Oder, wenn man so will, die letzte Freiheit. Natürlich ist es verboten: Wer ohne einen gültigen "permis" kutschiert, wird mit bis zu 15.000 Euro oder einem Jahr Haft bestraft. So will es ein Gesetz aus dem Jahre 2004. Angewendet wird es selten, und wenn, liegen die Strafen weit unter dem Höchstmaß. "Rouler sans permis" gilt als bedeutend weniger schlimm als etwa ins Bordell zu gehen, und das wird ja auch nicht bestraft. So etwa lautet die Logik des ausweislosen Fahrers. Der "permis" ist Nebensache. Hauptsache, man kommt vorwärts.

Im Auto ist der Franzose zugleich König und Revolutionär: Tiefinnerst ist er überzeugt, dass die Regeln wichtig sind - für die anderen. Laut einer Umfrage glauben 75 Prozent der "automobilistes", dass sie gut fahren. 58 Prozent schätzen im gleichen Atemzug, dass alle anderen schlecht fahren. Wenn beide Resultate stimmen, muss zumindest eines falsch sein. Doch das ist zu spitzfindig für Airy Routier, einen Aufdeckungsjournalisten des linken Nouvel Observateur. Er hat den "sans permis" ein Buch mit diesem Titel gewidmet. Seine Grundthese lautet, es gebe keine Statistik, die beweise, dass die "Führerscheinlosen" mehr Unfälle provozierten als andere. Das stimmt insofern, als es über das Phänomen der "sans permis" gar keine Statistik gibt.

Es gibt keinerlei Debatte darüber

Nur ein paar begrenzte Untersuchungen, etwa des Verkehrspsychologen Jean-Marc Bailet, zeigen ein anderes Bild: In Wahrheit, hat Bailet festgestellt, wüssten viele „Ausweislosen“ nicht einmal, was ein Ausrufszeichen im roten Dreieck bedeutet. Das Erstaunlichste daran ist, dass dies keinerlei Debatte bewirkt, obwohl das Land seit Jahren größte Anstrengungen unternimmt, die Zahl der Verkehrstoten zu senken. Dank einer besseren Alkohol- und Geschwindigkeitsprophylaxe ist diese Zahl binnen eines Jahrzehntes von 5.731 auf 3.268 im Jahr gesunken. Die Sécurité Routière lanciert Kampagnen gegen den Alkoholismus ländlicher Discobesucher und überzieht das Land mit Tausenden von Radaranlagen, um die beiden häufigsten Todesursachen, Alkohol und überhöhte Geschwindigkeit, zu bekämpfen.

Dass in Frankreich aber weiterhin Hunderttausende ohne Führerschein kutschieren, blendet die Nation aus. Vielleicht, weil es sozialpolitisch zu brisant ist. Die meisten Fahrer ohne Führerschein stammen aus den Banlieue-Vierteln oder vom Land. Sie haben entweder kein Geld, um die teure Fahrprüfung abzulegen, oder scheitern aus Analphabetismus schon am theoretischen Test.

In die führerscheinlose Existenz abgetaucht

Dazu kommen viele, die ihren Führerschein, genauer: die damit verbundenen zwölf Punkte, nach und nach verloren haben. Der "permis à points" ist so verhasst wie es die "gabelle", die Salzsteuer, im Mittelalter gewesen ist. Premier Pierre Bérégovoy musste im Jahr 1992 Panzer aufbieten, um Protestblockaden von Lkw-Chauffeuren und Bauern zu knacken. Heute gibt es Anwälte, die einzig damit beschäftigt sind, Berufsfahrern aus der Patsche zu helfen, nachdem die Polizei ihren Führerschein wegen Punkteverlust annulliert hat. Die, die ihrer zwölf Punkte verlustig gehen, tauchen in die führerscheinlose Existenz ab und vergrößern das unsichtbare Heer der "sans permis".

Einer von ihnen erzählte in der Regionalzeitung La Dépêche du Midi unter dem Namen P., er fahre ohne Ausweis und ohne Versicherung, dass sein Auto sein Beruf sei. Denn P. ist freischaffender Ambulanzfahrer. Branchenexperten schätzen, dass bis zu zwei Prozent der 38 Millionen "automobilistes" ohne Fahrzeugversicherung unterwegs sind. Die Experten nehmen ferner an, dass diese Fahrer eher vorsichtig zu Werke gehen, wenn sie am Steuer sitzen. Verursachen sie trotzdem einen Unfall, hat das Opfer eben Pech gehabt: Normalerweise sind die Ausweislosen nicht wohlhabend und verfügen nicht über die Mittel, für eine lebenslange Querschnittlähmung aufzukommen.

foto: ap photo/christophe ena

36 Jahre ohne Führerschein

Ein 55-jähriger Maurer, der ohne Führerschein, dafür mit 2,4 Promille in Toulouse unterwegs war, hatte das Pech, in einem Kreisverkehr die falsche Richtung zu erwischen: Er fuhr links herum. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt, bevor er von der Polizei angehalten wurde. Ihr gegenüber brüstete er sich, er sei 36 Jahre lang ohne Führerschein und unfallfrei gefahren. Die Gendarmen genehmigten ihm das Gewohnheitsrecht aber nicht.

Noch weniger Glück hatten eine Frau und ihre zwei Kinder in Marseille. Sie wurden von einem Motorrad zu Tode gefahren, dessen Fahrer seine zwölf Punkte und damit seinen Ausweis kurz zuvor verloren hatte. Dabei war er nicht einmal der Alleinschuldige: Er war selbst von einer Autofahrerin gerammt worden, die ihrerseits keinen Ausweis hatte. Der Fall ereignete sich 2008 und löste eine größere Debatte aus.

Doppeltes Lotteriepech

Aber nicht etwa deshalb, weil beide Fahrer ohne gültigen Ausweis fuhren. Nein, weil die Fahrerin das Argument aufbrachte, sie habe nicht gewusst, dass sie alle zwölf Punkte und damit ihren Ausweis verloren hatte. Viele Automobilisten stellten sich auf ihre Seite und meinten, es sei ja nicht die Schuld der Unfallverursacherin, wenn sie von der Polizei nicht rechtzeitig über den Verlust ihrer letzten Punkte informiert worden sei. Die drei Verkehrsopfer konnten sich zum Fall nicht mehr äußern. Sie hatten nur das Unglück, auf zwei "Ausweislose" auf einmal zu stoßen. Doppeltes Lotteriepech, sozusagen. (Stefan Brändle, Album, DER STANDARD, 19.07.2014)

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