"Ein Handyverbot in der Schule ist rückschrittlich"

Interview20. Juli 2014, 11:00
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Whatsapp, Facebook, Internet und Co: Auch bei Kindern geht nichts mehr ohne Smartphone. Die deutsche Kommunikationswissenschafterin Iren Schulz über das richtige Alter fürs erste Handy, warum es besser wäre, diese Geräte in den Unterricht einzubauen, und wieso viele Jugendliche nicht mehr allein sein können

derStandard.at: Immer erreichbar, immer online: Ohne Handy geht gar nichts mehr bei den Kindern und Jugendlichen, oder?

Schulz: Ja, aber das betrifft nicht nur sie alleine. Kinder wachsen in einer Welt auf, in der die allzeitige Erreichbarkeit vorgelebt wird. Das Verschmelzen von Berufs- und Privatleben durch die ständige Erreichbarkeit ist längst ein Kennzeichen unserer Gesellschaft. Das Smartphone kommt auch dem entgegen, was für Kinder und vor allem Jugendliche ganz wichtig ist: Beziehungen zu pflegen, sich von den Eltern zu distanzieren und so die eigene Identitätsentwicklung voranzutreiben.

derStandard.at: Wird dabei nicht übersehen, dass ständige Erreichbarkeit auch ständige Kontrolle mitbringt?

Schulz: Es ist ein Fehler zu glauben, dass nur die Kinder unbedingt ein Handy besitzen wollen. Studien zeigen, dass der Anschaffungsgrund - meist ist das in den ersten Schuljahren - oft von den Eltern kommt. Es geht um Sicherheit, sie wollen wissen, wo sich ihr Kind aufhält. Nicht umsonst wird von der digitalen Hundeleine gesprochen. Manche Eltern können überhaupt nicht mehr loslassen. Die Industrie hat sich das zunutze gemacht. Es gibt alle möglichen Trackingsysteme, damit Eltern ihren Kindern hinterherspionieren können. Das halte ich für hochproblematisch.

derStandard.at: Diese Kontrolle steht im Widerspruch zur Abnabelung.

Schulz: Ja, Jugendliche hängen sich damit selbst auch an die Leine. Allerdings laufen all die Nachrichten, die hin und her geschickt werden, oder was über Facebook und Apps besprochen wird, an den Eltern vorbei. Vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren war das ganz anders: Da hat man den Fernseher, die Stereoanlage oder den Videorecorder eingeschaltet. Eltern hörten und sahen, was Jugendliche beschäftigt, was sie tun.

derStandard.at: Studien zufolge hat spätestens ab zwölf Jahren jedes Kind ein Handy. Gibt es ein richtiges Alter für den Kauf des ersten Geräts?

Schulz: Also vor dem Schulantrittsalter ist es sicher überflüssig. In der Schulzeit lässt es sich dann gut argumentieren. Das Kind geht alleine zur Schule, es bricht ein bisschen aus dieser elterlichen Rundumbetreuung aus. Es geht aber nicht nur um die Anschaffung, sondern auch um den Umgang.

derStandard.at: Genau da laufen die Vorstellungen auseinander: Die Eltern wollen ihr Kind telefonisch erreichen können, das Kind will spielen und surfen.

Schulz: Die Spielerei ist sicher wichtig. Natürlich haben die Kinder eine andere Motivation als die Eltern. Untersuchungen zeigen aber, dass das Handy bei Kindern noch sehr eingeschränkt genutzt wird. SMS und Telefonieren, auch die audiovisuellen Funktionen sind im Kommen. Aber mobiles Internet spielt keine große Rolle. Das kommt erst später.

derStandard.at: Darf heute keine Langeweile mehr aufkommen? Dauernd wird bespaßt und kommuniziert. Was bedeutet das für die kindliche Entwicklung?

Schulz: Jugendliche können nicht mehr alleine sein. Wenn Langeweile droht, sind es immer Situationen ohne Beziehungen. In diese Lücke, in dieses Alleinsein ist das Handy hineingesprungen und füllt nun diese entwicklungsspezifisch eigentlich sehr wichtigen Momente völlig aus. Neurologen sagen, dass es für die Entwicklung bedeutend ist, wenn das Gehirn auch einmal so etwas wie eine Auszeit bekommt. Aber diese Rückzugsräume, alleine im Kinderzimmer ohne seine ganze Peergroup zu sitzen, das gibt es nicht mehr. Es ist auch für die soziale Entwicklung sehr schwierig, wenn man nicht alleine sein kann.

derStandard.at: Was sind die Folgen?

Schulz: Ich habe für meine Doktorarbeit Jugendgruppen über einige Jahre begleitet, um die Rolle, die dort das Handy spielt, zu beleuchten. Unter anderem mussten sie zwei Wochen lang auf ihr Handy verzichten. In dieser Phase waren sie unwahrscheinlich verunsichert. Bricht das Handy weg, stoppt die ständige Kommuniziererei, die auch immer ein Stück Rückversicherung ist: Ich bin in ein Beziehungsnetz eingebunden, und ich falle nicht hinaus, ich bin nicht allein. Obwohl Jugendliche heute ständig kommunizieren, ist dieses Erleben von sozialer Einbindung sehr fragil und kann ganz schnell zusammenbrechen.

derStandard.at: Sind diese Beziehungen nicht zu einem Gutteil oberflächlich?

Schulz: Für Erwachsene erscheint das wohl oberflächlich. Bei Jugendlichen muss man unterscheiden. Es gibt es immer noch die besten Freundschaften, die über lange Zeit halten und oftmals im nahen Umfeld, also etwa der Klasse, angesiedelt sind. Das hat sich nicht geändert. Diese Freunde werden auch real getroffen. Darüber hinaus gibt es einen Beziehungsspeckgürtel. Das sind unwahrscheinlich viele eher lose Beziehungen, die oft gar nicht in die Tiefe gehen. Schauen Sie nur auf die Freundschaftslisten auf Facebook, wenn die dreistellige Zahlen annehmen. Für Jugendliche hat es dennoch eine wichtige Funktion zu wissen, ich werde gemocht, ich bekomme viele Likes. Das wird als wichtiges Feedback angenommen.

derStandard.at: Gibt es einen Unterschied im Handy-Nutzungsverhalten von Buben und Mädchen?

Schulz: Mädchen galten früher immer als kommunikativer. Das hat sich eher verwischt mit den digitalen Medien. Die Burschen texten fast genauso intensiv. Unterschiede gibt es eher bei den problematischen Nutzungsweisen – Stichwort Gewaltpornografie auf Handys. Das ist männerlastig.

derStandard.at: Es gibt immer wieder Diskussionen über Handyverbote in Schulen. Was halten Sie davon?

Schulz: Nichts. Ein Handyverbot in der Schule ist rückschrittlich. Diese Medien sind Bestandteil unserer Gesellschaft. Die Schule schneidet sich ins eigene Fleisch, wenn sie etwas ausklammert und so tut, als ob es das nicht gäbe. Außerdem zeigt sich, dass Jugendliche trotzdem ihre Wege finden, das Ding zu nutzen. Viel sinnvoller wäre es, das Handy im Unterricht einzubeziehen. Dafür gibt es unwahrscheinlich viele und gute Möglichkeiten, und das wäre auch näher an der Lebenswelt der Jugendlichen. Es braucht aber klare Regularien, wann das Handy herauskommt oder eben nicht.

derStandard.at: Und in der Familie?

Schulz: Es gibt Familien, die sich gegen den Fernseher entschieden haben. Warum nicht? Klar ist, dass diese Jugendlichen dann ein bisschen außen vor stehen. Aber man kann sich zum Beispiel auch gegen die Handynutzung während des Abendessens entscheiden. Oder dass von 16 bis 20 Uhr Ruhe ist. Es täte gut, wenn die Familienzeiten nicht ganz von Smartphone-Kommunikation zerstört werden.

derStandard.at: Da sind aber auch die Eltern gefordert.

Schulz: Auf jeden Fall. Schauen Sie sich um: Ganz kleine Kinder halten sich schon einen Holzklotz ans Ohr und spielen Telefonieren. Schon die ganz Kleinen merken, dass den Erwachsenen dieser kleine viereckige Kasten unwahrscheinlich wichtig ist und dass ganz viel mit ihm passiert.

derStandard.at: Ab wann ist der Umgang ungesund?

Schulz: Es gibt Signale, die aus dem Umgang mit stoffgebundenen Süchten wie Alkohol oder Drogen übernommen werden können. Dazu gehören zum Beispiel Entzugserscheinungen oder wenn andere Dinge vernachlässigt werden. Eltern sollten hier aufmerksamer werden.

derStandard.at: Ein immer wieder genanntes Problem ist Cybermobbing. Wie kann man dem begegnen?

Schulz: Hänseleien und Raufereien im Schulhof hat es immer gegeben. Das Phänomen an sich ist ja nicht neu. Nur haben sich Auswirkungen und Ausmaß total verschoben. Fotos werden heutzutage über hunderte Seiten weiterverbreitet und sind für immer im Netz verewigt. Was das für Opfer bedeuten kann, ist klar. Wichtig wäre, nicht nur auf die dramatischen Fälle zu schauen, sondern mehr diese Grauzonen anzusprechen, wo keine Gesetze zum Tragen kommen, sondern wo es um moralisch-ethische Fragen geht: Welches Foto schicke ich? Darf ich jeden fotografieren, und wem darf ich die Bilder zeigen?

derStandard.at: Wird das Kindern ausreichend erklärt?

Schulz: Nein. Es gibt viele gut Homepages, die meisten Eltern kennen sie nur nicht. Viele machen da auch die Augen zu: Mein Kind macht das nicht! In den Schulen braucht es auch mehr Aufklärung.

derStandard.at: Handys werden bei Kindern und Jugendlichen immer als eine Art Problemzone betrachtet. Zu Unrecht?

Schulz: Es ist ungerecht. Das Smartphone wurde zu dem wichtigen Werkzeuge, weil wir es für unser gesamtes soziales und berufliches Leben benutzen, und nicht, weil dieses Medium eigenständig vor sich hin handelt. Es sind auch die Erwachsenen, die Technik implantieren. Erst wir Menschen machen etwas aus einem Medium und sind als Erwachsene dafür auch mitverantwortlich. (Peter Mayr, derStandard.at, 18.7.2014)

Iren Schulz, geboren 1977 in Elsterwerda, ist Kommunikationswissenschafterin und Medienpädagogin. Sie arbeitet derzeit als Projektmanagerin in einem europäischen Verbundprojekt am Universitätsklinikum Jena. Außerdem ist sie Dozentin im Masterstudiengang Kinder- und Jugendmedien an der Universität Erfurt.
  • "Obwohl Jugendliche heute ständig kommunizieren, ist dieses Erleben von sozialer Einbindung sehr fragil und kann ganz schnell zusammenbrechen", erklärt Schulz.
    foto: istockphoto.com/dolgachov

    "Obwohl Jugendliche heute ständig kommunizieren, ist dieses Erleben von sozialer Einbindung sehr fragil und kann ganz schnell zusammenbrechen", erklärt Schulz.

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