Spaziergang zwischen Leichenteilen

Analyse18. Juli 2014, 13:00
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Die mediale Berichterstattung über den Flug MH-17 spiegelt den totalen Zusammenbruch jeglicher Staatsgewalt im Osten der Ukraine wider

Am schnellsten waren die Journalisten und Kamerateams des russischen Fernsehsenders RT. Nur kurz nachdem die Nachrichtenagenturen die ersten Meldungen über einen Flugzeugabsturz im Osten der Ukraine am Donnerstagnachmittag verbreiteten, brachte der internationale Propagandasender aus Moskau bereits Livebilder vom Katastrophenort. Darunter war auch eine längere Aufnahmen, in der offensichtlich Schaulustige die bei den Todesopfern gefundenen Reisepässe in die Kamera hielten. Fotos und Namen der Opfer – allesamt Kinder – waren lang und deutlich zu sehen. Das Video verbreitet sich über Youtube rasant.

Dass hier Angehörige möglicherweise aus dem TV erfahren konnten, dass ihre Verwandten ums Leben gekommen sind, scheint bei RT niemanden gestört zu haben. Doch es sind nicht allein russische Journalisten, die bei ihrer Berichterstattung jeglichen Opfer- und Angehörigenschutz missachten.

Etwa zeitgleich mit den RT-Berichten tauchten auch auf Twitter erste Fotos vom Unglücksort auf. Das Motiv sind vor allem verstümmelte Leichen, die anhand ihrer Kleidung aber wohl leicht durch Angehörige identifiziert werden können. Die Fotos wurden offenbar von Augenzeugen gemacht, denn als Quelle scheint zumeist "VK.com" auf, ein vor allem im russischsprachigen Raum beliebtes soziales Netzwerk.

Parkschein mit Namen

In diesem Takt geht es weiter. Selbst auf der "New York Times" taucht Freitagfrüh eine Geschichte mit dem Titel "Fallen Bodies, Jet Parts and a Child's Pink Book" auf. Dabei macht die Autorin eine Art Spaziergang zwischen Wrackteilen und Leichen und berichtet unter anderem von einem Parkschein mit dem Namen eines offenbar niederländischen Opfers darauf (der auch genannt wird). Ebenfalls klar identifizierbar wird ein zehnjähriges Opfer beschrieben, das ein rotes T-Shirt mit einer unverkennbaren Aufschrift trägt.

Deutlich wird anhand dieser Texte, die sich auf Seiten des "Guardian" und des "Economist" ebenso finden, dass der Absturz von Flug MH-17 nicht nur deshalb besonders ist, weil hier ein ziviles Verkehrsflugzeug mutmaßlich mitten über Europa abgeschossen wurde. Es sind auch die Umstände am Boden, die einzigartig sind. Die Bilder, Berichte und Videoaufnahmen vom Absturzort in der Nähe der ostukranischen Stadt Grabowo verdeutlichen, dass in der Region jede Staatsgewalt, ja, überhaupt jede Art von Autorität zusammengebrochen ist.

Plünderer, Schaulustige, Journalisten

Nur so ist zu erklären, dass unzählige Journalisten, aber offenbar auch Plünderer und Schaulustige zumindest in den ersten Stunden nach der Katastrophe unbegrenzten Zugang zur Absturzstelle hatten. Während solche Unglücksorte in der Regel binnen kürzester Zeit hermetisch abgeriegelt werden, hatten Interessierte in Grabowo freien Zugang. Hier kommt die zweite Besonderheit der Katastrophe ins Spiel: Da in der Nähe unzählige Journalisten stationiert sind, die eigentlich über den Bürgerkrieg in der Ukraine berichten, dauert es nicht lange, bis eine ganze Journalistenschar an der Absturzstelle eintrifft.

Die ersten englischsprachigen Journalisten am Ort sind der US-Amerikaner Noah Sneider und die Freelancerin Harriet Salem. Vor allem Sneider liefert noch Donnerstagabend via Twitter eindringliche Beschreibungen von verstreuten Leichenteilen via Twitter. Bilder schickt er keine mit. Sie seien zu grauenvoll, um hergezeigt zu werden, schreibt er. (András Szigetvari, derStandard.at, 18.7.2014)

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