Nachgefragt: Der Sinn vom Warum

22. Juli 2014, 09:15
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Ohne Sinn kann es keine werteorientierte Kultur geben

Die Fragen nach dem Wieviel ist schnell zu beantworten: Sechs Milliarden 854 Millionen Arbeitsstunden - dieses Arbeitsvolumen hat die Statistik Austria unlängst als Bilanz für das Jahr 2013 bekanntgegeben. Durchschnittlich hat jede und jeder in Österreich 37,3 Stunden in der Woche mit einem Bruttojahresverdienst von 37.317 Euro gearbeitet. Schwieriger zu beantworten ist die Frage nach dem Warum.

Dabei ist es doch genau die Antwort auf diese Frage, die dazu führt, dass Sie in der Früh aus dem Bett kommen und mit Freude an Ihre Arbeit gehen. In den seltensten Fällen ist es nur das Geld. Es ist der Sinn, den wir im eigenen Tun sehen, der motiviert. Wer mit seiner Organisation eine Vision teilt, weiß, warum es sich lohnt, das Beste zu geben. Wer die Möglichkeit bekommt, sich weiterzuentwickeln, etwas zu lernen, wer planen und umsetzen kann und immer wieder Rückmeldungen bekommt, ist in der Lage, tatsächlich Topleistungen zu erbringen.

Selbstwert ist gesund

Durch den Sinn empfinden wir uns als wertvoll. Unser Selbstwert ist gesund und hoch. Wir werden wertgeschätzt und respektiert, haben ausreichend Mittel und Ressourcen zur Verfügung, um den Anforderungen gerecht zu werden.

Anders gesagt, wir spüren, dass wir Schritt für Schritt ein besserer Mensch werden. Kompetenter und leistungsstärker, sicherer in Entscheidungen, aufmerksamer im Umgang, toleranter, kooperativer und dennoch authentisch. Wir wissen genau, warum wir tun, was wir tun. Doch in der Arbeitspraxis sieht es oft anders aus: Widersprüchliche Anweisungen, Wertekonflikte und illegitime Arbeitsaufträge sind Gift für die Arbeitskultur und schmälern Leistung und Innovation. Dasselbe gilt für achtlose Kommunikation, die tiefverwurzelte Haltungen und Einstellungen zutage fördert. Wörter, Bezeichnungen oder Stehsätze, die sich wie Pfeile ins Herz bohren und nächtelang unsere grauen Zellen beschäftigen, sind die Spitze des Eisbergs einer zerstörerischen Kultur.

Sinnstiftende Vision

Wenn "Affen" arbeiten, "Idioten" Leistungen zuliefern und "unzurechnungsfähige Trotteln" Produkte oder Dienstleistungen ankaufen, dann ist der Rückschluss, dass in solch einer Organisation vermutlich keine werteorientierte Kultur existiert, ziemlich sicher zutreffend. Daher beginnt die Arbeit an der Kultur mit dem Entstehen von Sinn, mit einer sinnstiftenden Vision für die Mitarbeiter. Wer eine "Delle im Universum" (Steve Jobs, Apple) hinterlassen möchte oder sich als "Brückenbauer" (Gottlieb Duttweiler, Migros) versteht, wird Menschen anziehen, die morgens nicht zögern, sondern ihr Wissen und ihre Kreativität in den Dienst dieser Idee stellen werden. (Sabine Lengyel-Sigl, DER STANDARD, 19./20.7.2014)

Sabine Lengyel-Sigl ist Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologin, Gründerin von Resi Psychology und Autorin von "Corporate Awareness. Werte und die (R)Evolution der Arbeit" und "Diva Liebe. Unerwartet eins".

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