Wider die Unternehmensverblödung

18. Juli 2014, 14:11
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Weshalb es sinnvoll ist, wenn sich Betriebe von Zeit zu Zeit mit der Frage beschäftigen, welche innerbetrieblichen Denk- und Verhaltensmuster ihr Tun und Lassen prägen und ob die dem Wohl des Unternehmens dienen

Dieses macht man so. Und das so. Und überhaupt, das haben wir schon immer so gemacht. Man kann doch nicht plötzlich aus der Reihe tanzen, wo kämen wir denn da hin? Ja, wohin denn wohl? In einen Teufelskreis von unsinnigen blockierenden Wiederholungen! Aber das will erst einmal erkannt werden. Ein makabrer Satz aus der Pennälerzeit haftet in der Erinnerung: Hör auf, dich zu beklagen, dass du im Kreis laufen musst, sonst wird der andere Fuß auch noch festgenagelt. Wo Anpassung mit Einverständnis und Stillstand mit Wohlverhalten verwechselt wird, verabschiedet sich eigenständiges Denken, Initiative und kreative Lebendigkeit. Obwohl dieses Dreigestirn als Conditio sine qua non für sowohl unternehmensdienliches Arbeiten als auch privates Glück angesehen wird.

Unterbundenes Engagement

Keine Statistik gibt darüber Auskunft, wie viel Engagement für die Firma unterbunden wird und wie viele Chancen dadurch ungenutzt bleiben, weil sich komplette Belegschaften mit nichts anderem so intensiv beschäftigen als mit den Überlegungen, wovon sie im übertragenen wie im direkten Sinn besser die Finger lassen. Wo bereits nach kurzer Zeit des Einlebens in den Betrieb selbst die ausdrücklich als Quer- und Weiterdenker Eingestellten ihre Stellenbeschreibung für Makulatur und sich selbst zurückhalten, kann der betrieblichen Zukunft nur leise Abschied nehmend hinterhergewunken werden. Verkrusten betriebliche Handlungs- und Verhaltensleitlinien zu Zwangsjacken, verblödet das Unternehmen. Und so warnt der Persönlichkeitsforscher Professor Julius Kuhl von der Universität Osnabrück: "Zwänge, ganz gleich, ob sie uns von außen auferlegt werden, beispielsweise durch staatliche oder betriebliche bürokratische Höhenflüge, oder ob wir sie uns selbst auferlegen, sind die Prosperitätsbremse Nummer eins!"

Zwänge töten Freude

Zwänge, gibt Kuhl zu bedenken, "zerstören die Grundlage jeder Innovation, denn sie töten die Freude am Gestalten. Die aber ist die Grundvoraussetzung für das Umsetzen von Zielen: Menschen in einem Team, im Unternehmen, in der Gesellschaft oder im häuslichen Umfeld, die das, was sie tun, mehr aus Gewohnheit als aus innerer Anteilnahme und Überzeugung tun, stehen nicht mehr voll und ganz hinter dem, was sie tun.

Je weniger Menschen aber hinter dem stehen, was sie tun, desto mehr entfernen sie sich von einer sinnvollen und effektiven Gestaltung ihres Handelns, desto weniger Ziele werden wirklich umgesetzt." Was für ihn in der Konsequenz heißt: "In dem Maße, in dem wir Zwänge überwinden lernen, erschließen wir die verborgenen Kraftreserven der menschlichen Gestaltungsfreude und des menschlichen Erfindungsreichtums."

Achtung Zwangsroutinen

Und das gilt für Kuhl auch für den "heute überbetonten eiligen Pragmatismus". Für den Pragmatiker hätten umsetzbare Strategien Priorität: Was kann ich tun, um meine Mitarbeiter zu motivieren? Wie schaffe ich es, meine eigenen Ziele effizienter umzusetzen? Wie bekomme ich meine Kunden zum Abschluss? Wie lassen sich Kosten, Ausfallzeiten, Ausschussquoten senken und Erträge erhöhen?

Gewünscht seien klare, konkrete, unmittelbar umsetzbare Handlungsanweisungen: wenn > dann! "Aber Vorsicht", rät Kuhl, "man kann den Pragmatismus auch so weit treiben, dass man unbemerkt in den Zwangskäfig des Pragmatismus gerät. Das vorschnelle Drängen nach raschen Lösungen, nach umsetzbaren Rezepten degeneriert nicht selten zum kontraproduktiven Zwangssymptom. Der Wunsch nach einfachen Rezepten wird überall dort zur Zwangsroutine, wo wir es mit komplexen Situationen zu tun haben, die nicht mit starren Handlungsrezepten, sondern nur durch beständiges Lernen, durch Verstehen der Zusammenhänge zu bewältigen sind."

Ursachen der Zwangserkrankung

Um die lähmenden Kräfte zwanghaften Handelns überwinden zu können, hält Kuhl es für wichtig, die Extremform des zwangsgesteuerten Handelns, die definitive Zwangserkrankung, zu verstehen. Was sind die Ursachen der Zwangserkrankung? Was ist los im System, wenn Menschen immer mehr irgendwelche Routinen abspulen, ohne nach deren tatsächlichem Sinn und Nutzen zu fragen? Warum werden sie nicht durch die schlichte Einsicht in die Unsinnigkeit ihrer Zwänge an deren Fortsetzung gehindert?

Psychologische und neurobiologische Erkenntnisse haben das Verständnis der Zwangserkrankungen erheblich vorangebracht. Einige Erkenntnisse, so Kuhl, führten zu einer verblüffenden Einsicht: Zwangserkrankte leiden an der Übersteuerung eines Mechanismus, den es auch überall im ganz normalen Alltag gibt.

Bei diesem Mechanismus handelt es sich um einen Prozess, der von der Angst, etwas falsch zu machen, ausgelöst wird. Das menschliche Gehirn verfügt über einen Mechanismus, den es mit sehr viel primitiveren Lebewesen gemeinsam hat: Er besteht in der Unterdrückung falscher und in der Bahnung richtiger Reaktionen. Ein amerikanischer Harvard-Professor hat sein Lebenswerk der Erforschung dieses Mechanismus gewidmet: Burrhus F. Skinner, einer der Pioniere der Psychologie des Lernens.

Wir im "Skinner'schen Käfig"

Skinner untersuchte die Gesetze, mit denen Tiere und Menschen aus Erfahrung lernen. Mit "Erfahrung" meinte er allerdings nicht die komplexen Formen der Lebenserfahrung, die wir - im günstigen Falle - von Eltern, Lehrern und erfahrenen Kolleginnen und Kollegen vermittelt bekommen. Gemeint war das Lernen durch Belohnung und Bestrafung.

Das von Skinner untersuchte lernpsychologische Grundprinzip lässt sich vereinfacht so beschreiben: Reaktionen, die positive Konsequenzen nach sich ziehen, sprich "belohnt" werden, werden häufiger gezeigt, während Reaktionen, die unangenehme Folgen haben, sprich "bestraft" werden, immer seltener auftreten. Bei den Systemen des Gehirns, die diese Wirkungen von Belohnung und Bestrafung vermitteln, handelt es sich um phylogenetisch (= stammesgeschichtlich) sehr alte Strukturen.

Skinner nahm seine Forschung und sich selbst so ernst, dass er sogar meinte, seiner kleinen Tochter die besten Wachstumsbedingungen zu schaffen, wenn er sie in eine Art Käfig mit exakt regulierten Umweltbedingungen steckte.

Kuhl: "Wenn Ihnen diese Vorstellung absurd vorkommt, dann müsste Ihnen auch so manches in unserer Gesellschaft absurd erscheinen. Immer wenn wir uns in irgendwelchen Bürokratismen und unreflektierten Alltagsroutinen verfangen, stecken wir in einem Skinner'schen Käfig: Wir wenden dieselbe Regel, denselben Pragmatismus immer wieder an, weil es sich so eingeschliffen hat."

Positive Folgen

Skinners Erkenntnis, Gewohnheiten werden durch ihre positiven Folgen gefestigt und durch negative Folgen abgeschwächt, werfen die Frage auf: Wieso können dann aber Gewohnheiten zu Zwängen werden? Müssten sie sich nicht auflösen, wenn sie nicht mehr zum Erfolg führen oder ihren Sinn verlieren?

"Leider gibt es eine Situation, in der diese Flexibilität nicht erwartet werden kann", erläutert Kuhl. "Diese Situation hat mit Angst zu tun, beispielsweise dem Bedürfnis nach Sicherheit und der Angst, sie zu verlieren. Wenn man immer wieder nach demselben Muster verfährt, um die Angst zu reduzieren, beispielsweise dass etwas schiefgehen könnte, wird man immer wieder in seinem Muster verstärkt: Jedes Mal wenn die befürchtete Katastrophe nicht eintritt, fühlt man sich erleichtert (= in der Sprache der Lernpsychologie "belohnt"), und das Verhaltensmuster wird verstärkt. Feste Gewohnheiten eignen sich also gut, jede Angst vor Risiken und Unwägbarkeiten zu verhindern, sodass solche Ängste nicht einmal bewusst erlebbar sind."

Angst vor Kontrollverlust

Ein Unternehmer oder Manager, der täglich mit scheinbar unerschöpflicher Energie seine Termine abspult, kommt oft gar nicht auf die Idee, dass sein enormer Arbeitseinsatz eventuell durch irgendwelche unbewussten Ängste gesteuert wird. Und doch, berichtet Kuhl, "finden wir in Trainingsseminaren immer wieder, dass es gerade die nicht eingestandenen Ängste vor dem Kontrollverlust sind, die Unternehmer und Führungskräfte auf eingefahrenen Routinen beharren lassen und es ihnen erschweren, von Zeit zu Zeit Abstand zu gewinnen, ihre Strategien zu überdenken, Alternativen zu erwägen und Neues auszuprobieren sowie ihre Leute von der Leine zu lassen. Dann degenerieren sinnvolle Werte und Normen zu den zwanghaften Formen wie auch die Political Correctness und die Urteilsfähigkeit verkommt."

Was tun gegen böse Routinen

Was kann jeder tun, um die eigenen Routinen und Rituale zu entdecken und zu überwinden?

Zunächst ist wichtig, sich zur Überwindung eines Übels nicht durch eine überstarke Pendelbewegung in die entgegengesetzte Richtung wieder ein anderes Übel einzuhandeln.

Außerdem steht außer Frage, dass wir weder im beruflichen noch im privaten Alltag ohne ein gewisses Maß an festen Routinen auskommen. Entscheidend ist das Gleichgewicht. Schädlich werden Routinen dann, wenn sie immer größere Anteile unserer Kraft und Zeit absorbieren und wenn wir aufhören, eigentlich oder bisher bewährte Strategien, Vorschriften oder festgelegte Verhaltensmuster auch einmal außer Kraft zu setzen, um neue auszuprobieren. (Hartmut Volk, DER STANDARD, 19./20.7.2014)


  • Aus den bösen Routinen ausbrechen.
    foto: www.istockphoto.com/texelart

    Aus den bösen Routinen ausbrechen.

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