Netanjahu droht mit Ausweitung der Bodenoffensive im Gazastreifen

Video18. Juli 2014, 20:07
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Zahlreiche Staaten besorgt über hohe Zahl ziviler Opfer

Gaza/Washington - Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hat am Freitag damit gedroht, die am Vorabend gestartete Bodenoffensive im Gazastreifen "erheblich auszuweiten". Der Einmarsch zielte vor allem auf die Zerstörung von Raketenwerfern und Tunnelanlagen radikaler Palästinensergruppen. Dabei wurden mindestens 33 Palästinenser getötet sowie ein israelischer Soldat.

Der UN-Sicherheitsrat wollte am Abend über die Eskalation beraten, die weltweit für besorgte Reaktionen sorgte. Netanjahu begründete die Invasion damit, dass die Tunnel der islamistischen Hamas nicht allein durch Bombardierungen zerstört werden könnten. "Gemeinsam mit dem Verteidigungsminister habe ich das Militär angewiesen, sich auch auf eine mögliche deutliche Ausweitung der Operationen am Boden einzustellen", sagte der Ministerpräsident bei einer Kabinettssondersitzung.

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Die IDF veröffentlichte ein Video vom ersten Tag der Bodenoffensive.

Tunnel und Raketen zerstören

Neben der Zerstörung der Raketen der Hamas "und anderer terroristischer Gruppen im Gazastreifen" habe die Armee den Auftrag, "die Terrortunnel zu zerstören, die aus dem Gazastreifen nach Israel gegraben wurden". Damit bezog sich Netanjahu auf einen in der Nacht zum Donnerstag vereitelten Angriff aus einem versteckten Tunnel auf den Kibbuz Sufa. Er gab aber zu, dass es keine "hundertprozentige Erfolgsgarantie" bei diesem vierten Militäreinsatz im Gazastreifen seit 2005 gebe.

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Das Video zeigt die Vorbereitung der israelischen Soldaten auf den Einsatz.

Im Zuge der Bodenoffensive wurden bis zum Abend mindestens 33 Palästinenser getötet, darunter mehrere Kinder. Auf israelischer Seite starb ein Soldat. Seit Beginn des Militäreinsatz am 8. Juli wurden damit 274 Palästinenser getötet und 2050 weitere verletzt, ein Großteil davon Zivilisten. Laut der UNO verdoppelte sich seit Beginn der Bodenoffensive die Zahl der Flüchtlinge. Demnach suchten rund 40.000 Menschen Zuflucht in UN-Gebäuden.

70 Prozent der Häuser ohne Strom

Die Armee teilte mit, am Boden etwa 150 Ziele angegriffen und zerstört zu haben, darunter 41 Raketenwerfer, eine Waffenfabrik und 13 Tunnelbauten. 17 feindliche Kämpfer seien getötet worden. Nach Angaben der Elektrizitätswerke waren im Gazastreifen rund 70 Prozent der Häuser ohne Strom. In Gaza waren die Straßen menschenleer. Trotz der Offensive feuerte die Hamas rund 30 weitere Raketen ab. Es wurden damit seit dem 8. Juli 1164 Raketen auf Israel gefeuert.

US-Präsident Barack Obama äußerte sich besorgt über die Zuspitzung des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern. Die USA und ihre Verbündeten seien beunruhigt, weil die Lage im Gaza-Konflikt eskalieren könnte, sagte Obama am Freitag in Washington vor Journalisten. Er hoffe, dass Israel weiter so vorgehe, dass die Zahl ziviler Opfer minimiert werde. Er habe mit Netanjahu gesprochen und dabei auch bekräftigt, dass die USA das Recht Israels auf Selbstverteidigung unterstützten.

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Die ersten UN-Hilfsversorgungen von palästinensischen Flüchtlingen haben begonnen. Nahrungsmittel, Wasser, Matratzen und Hygieneartikel werden verteilt.

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon mahnte, Israel müsse noch "weit mehr tun, um zivile Opfer zu vermeiden". Auch US-Außenminister John Kerry forderte in einem Telefonat mit Netanjahu, die Bodenoffensive müsse sich "zielgerichtet" gegen die Tunnel richten. US-Präsident Barack Obama sagte später, er habe in einem Telefonat Netanjahu gesagt, die USA seien "zutiefst besorgt über das Risiko einer weiteren Eskalation und den Verlust weiterer unschuldiger Menschenleben".

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hob das Recht Israels auf Selbstverteidigung hervor. Die jüngsten Ereignisse hätten gezeigt, dass die Hamas über "eine völlig neue Qualität der Bewaffnung" verfüge, sagte Merkel. "Jedes Land muss sich, wenn es so angegriffen wird, auch wehren." Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier erklärte, es müsse "alles getan werden, weitere Opfer unter Zivilisten zu vermeiden". Es seien bereits "viel zu viele Unschuldige" getötet worden.

Die in dem Konflikt vermittelnde ägyptische Regierung verurteilte die weitere "Eskalation", kritisierte aber vor allem die Hamas. Hätte diese Ägyptens Vorschlag zu einer Waffenruhe akzeptiert, "wäre seitdem das Leben dutzender Palästinenser verschont geblieben", sagte Außenminister Samech Shukri. Auch der palästinensische Präsident Mahmud Abbas forderte bei einem Besuch in der Türkei, auch die Palästinenser müssten die Waffenruhe annehmen, um Israel so unter Druck zu setzen.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan warf Israel vor, einen "Völkermord" zu verüben. Für die Türkei sei eine Normalisierung der Beziehungen damit ausgeschlossen. Nach Ausschreitungen vor dem israelischen Konsulat in Istanbul und der Botschafterresidenz in Ankara im Zuge von Protesten gegen das Vorgehen im Gazastreifen wies Israel einen Teil seiner Diplomaten an, die Türkei zu verlassen.  (APA, 18.7.2014)

  • Ein israelischer Artilleriepanzer feuert auf den Gazastreifen.
    foto: reuters/nir elias

    Ein israelischer Artilleriepanzer feuert auf den Gazastreifen.

  • Rauchschwaden über Gaza-City.
    foto: ap/pitarakis

    Rauchschwaden über Gaza-City.

  • Gaza am Freitagmorgen.
    foto: ap/pitakiris

    Gaza am Freitagmorgen.

  • Demonstration in Istanbul gegen Israels Einsatz in Gaza.
    foto: ap/gurel

    Demonstration in Istanbul gegen Israels Einsatz in Gaza.

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