Der Klang des letzten Willens

Porträt17. Juli 2014, 17:17
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Kalifornien bringt nicht nur sonnige Gemüter hervor. Das ist keine neue Erkenntnis, aber niemand hat sie zuletzt so eindringlich in Erinnerung gerufen wie Chelsea Wolfe auf ihren Alben. Die Musikerin gastiert mit ihrer Band demnächst in Wien. Ein Porträt

Wien - Zünftige Anekdoten sind von ihr nicht überliefert. Keine Schwänke, keine Exzesse. Nur diese Sache mit dem Lampenfieber. Das war am Beginn ihrer Karriere so stark ausgeprägt, dass sie im Konzert einen schwarzen Schleier vor dem Gesicht trug.

Bis heute ist ihr die Situation auf der Bühne unangenehm. Immer noch findet sie es ein wenig befremdlich, ihr Innerstes vor Fremden auszubreiten. Aber so ist das eben als Musikerin. Und mittlerweile hat Chelsea Wolfe sich mit diesem Unbehagen so weit arrangiert, dass reguläre Konzerte keine Unmöglichkeit mehr darstellen. Am 4. August gastiert die aus Kalifornien stammende Musikerin mit ihrer Band in der Wiener Arena.

Chelsea Wolfe ist eine der interessantesten jungen Frauen des Pop der letzten Jahre. Zumindest gemessen an ihrer Musik, und nur die zählt. Wenn sie über sich und ihre Kunst spricht, fiele einem der Begriff "interessant" nicht als Erstes ein. Vielleicht liegt es aber nur an den immergleichen Fragen, denen sich Wolfe stellen muss.

Ihre Antworten fallen entsprechend aus. Seit sie neun Jahre alt war, schreibt sie Songs. Deshalb, weil ihr Vater Countrymusiker war und sie viel Zeit in seinem Studio verbrachte. Ja, sie mag Filme von Ingmar Bergman, nein, Mode ist für ihre Musik nicht so wichtig ... bla bla bla.

Kajal und Gothic

Die Kunst der 30-Jährigen wird dort verortet, wo eine Schnittmenge aus Folk und Gothic entsteht. Ihre dick von Kajal umrandeten Augen lassen offenbar für viele keinen anderen Schluss zu. Wobei: Wer ihre hoffnungsarme Version von You Are My Sunshine hört, denkt dabei eher an Friedhofslichter als den lebensspendenden Glutbrocken da oben.

Bei den weiteren Zutaten ihrer Musik öffnet sich der Referenzbogen von Doom über Düster bis zum Black Metal. Das scheint insofern zulässig, als sie mit Bands wie den Swans, Boris oder Sunn O))) auf der Bühne stand. Wer länger dabei ist, hört den Gun Club heraus oder die verschwundene Kendra Smith. Zuletzt bestritt Wolfe das Vorprogramm der Queens of the Stone Age.

Vier Alben hat sie bisher veröffentlicht. Lässt man die Sammlung akustischer Songs auf Unknown Rooms weg, zeichnet sich auf den verbliebenen dreien ein Weg der Verdichtung und Konzentration ab, der im Vorjahr im Meisterwerk Pain Is Beauty mündete. Der Titel ist Programm. Wolfe hängt dem alten Gedanken nach, dass große Kunst nur durch Schmerz oder Entbehrung entstehen kann. Siehe auch: "Wege zum Glück im Katholizismus" (666 Seiten, Scheiterhaufen-Verlag).

In ihrer Musik übersetzt Wolfe das in Kollisionen von Impressionismen, die sie mit brutalen Schüben aufbricht. Dabei entstehen Momente, wie sie wohl nur Opfer von Raubüberfällen kennen. Verhallte Gitarren, denen durchaus Optimismus zu unterstellen wäre, werden von massiver Perkussion verdrängt, diese filettiert eine Geige, darüber legt sich Wolfes Gesang in einem Tonfall, als würde sie ihren letzten Willen verlesen. Schönheit und Schmerz verschmelzen da durchaus.

Dazwischen verfasst sie liebliche Kleinode. Ein Lied wie The Warden mit seinem poppigen elektronischen Rhythmus erinnert daran, dass diese Musik in der kalifornischen Sonne entsteht. Überwiegend jedoch im Schatten, die sie wirft.

Unser aller Untergang

Wolfes Gothic, wenn man den Begriff akzeptieren will, kommt ohne Drama aus. Es bedarf keiner großen Gesten und keines Theaterbluts, um bei dieser Musik Gänsehaut zu empfangen. Getragene Stücke, von Geige und Elektronik wie von Krankenpflegern gestützt, zeitigen zwar gerade live manche Länge, doch die verzeiht man großen Meistern sonst auch. Und immerhin blickt sie uns heute in die Augen, wenn sie in einem Lied wie Destruction Makes the World Burn Brighter von unser aller Untergang erzählt. (Karl Fluch, DER STANDARD, 18.7.2014)

Chelsea Wolfe live: 4. August, Arena Wien, 20.00

  • Die alte Idee, dass wahre Kunst nur aus Schmerz und Entbehrung entstehen kann, ist in der Musik von Chelsea Wolfe gut aufgehoben. Am 4. August gastiert sie in der Wiener Arena.
    foto: sargent house

    Die alte Idee, dass wahre Kunst nur aus Schmerz und Entbehrung entstehen kann, ist in der Musik von Chelsea Wolfe gut aufgehoben. Am 4. August gastiert sie in der Wiener Arena.

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