Anglizismen? Yes, please!

17. Juli 2014, 13:06
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Die deutsche Sprache soll in Gefahr sein. Und schuld ist, wer sonst?, das Fremde. Warum dem ganz anders ist

Die deutsche Sprache ist in Gefahr. Und Schuld ist – wer sonst? – das Fremde. Diese merkwürdige Form des linguistischen Alarmismus ist nicht nur in der Blut-und-Boden-Fraktion heimisch, sondern findet auch im Meinungs-Mainstream immer mehr Anhänger.

Böse Anglizismen würden Krebszellen gleich in den sprachlichen Volkskörper eindringen und diesen von innen heraus zersetzen, heißt es sinngemäß. Von Identität, die verloren geht, ist die Rede und Vorwürfe wie jener vom fehlenden Selbstbewusstsein fallen im Zuge der Debatte. Selbst von einer drohenden Überflutung durch das Englische ist mancherorts die Rede. Kurz gesagt: Die gute alte Überfremdung feiert ihr – Achtung Anglizismus! – Comeback.

Great!

Als ehrlicher Freund der deutschen Sprache kann man die Eindringlinge nur mit offenen Armen begrüßen. Dafür gibt es zum einen historische und zum anderen handfeste praktische Gründe.

Englischsprachige Popkultur die einzig funktionierende Form der Entnazifizierung

Zuerst ein kurzer geschichtlicher Exkurs: Als nach Ende des Zweiten Weltkrieges Deutschland und Österreich in den Kreis der menschlichen Zivilisation rückgeführt wurden, war englischsprachige Popkultur die einzig funktionierende Form der Entnazifizierung. Während der Backfisch noch in der Hitlerjugend im Stechschritt marschierte, tanzte der Teenager wenige Jahre später schon zu jener Musik, die von der Vorgängergeneration  mit dem unfreundlichen Zusatz „Neger“ bedacht wurde.

Die englische Sprache war also immer der wortgewordene Gegenentwurf zur Nazi-Barbarei. Viele der Lehnworte und Phrasen, die heute die deutsche Sprache bevölkern, stammen aus den Jahren unmittelbar nach der Stunde Null und wurden über das Medium Popmusik hierzulande eingeschleppt. Darum ist der viel gescholtene Anglizismus in Deutschland und Österreich immer auch ein bewährter antifaschistischer Brauch.

Praktische Anglizismen 

Zweitens sind Anglizismen oft praktisch – gerade wenn es um moderne Kommunikation geht.  Kein Mensch würde ernsthaft im Zusammenhang mit IT-Speicherplatz von einer Wolke sprechen. Das Ding heißt Cloud. Ein Shitstorm ist doch ein hübsches Sprachbild für eine meist kurzfristig aufflammende und eigentlich irrelevante Erregung, die auf Social Media-Plattformen ihren Anfang nimmt. Die wörtliche deutsche Übersetzung klingt doch albern. Und das bis zur Bedeutungslosigkeit ausgelutschte deutsche Wort „Skandal“ greift viel zu kurz.

Anderes Beispiel gefällig? Wer den Kurznachrichtendienst Twitter benützt, der twittert. Ich habe auch schon erlebt, dass User die wortwörtliche Übersetzung „zwitschern“ verwenden. Das sind aber meist Sonderlinge, denen man zur Geisterstunde nicht in schlecht ausgeleuchteten Gassen über den Weg laufen möchte. Also, Homepage und Internet ist okay, Heimatseite und Weltnetz klingen hingegen übel. Auch Meeting ist in Ordnung. Oder E-Mail. Die Zeiten, in denen man die elektronische Post mit der gleichnamigen Glasflussbeschichtung hätte verwechseln können, sind längst vorbei. Oder Jetlag. Kein Mensch würde den Begriff Reisemüdigkeit verwenden – obwohl er sich so frisch hingetippt gar nicht übel anfühlt.

Paradoxe Phänomene

Erwähnen muss ich auch das paradoxe Phänomen, dass die deutsche Sprache englische Worte hervor gebracht hat, die so englisch klingen, dass man sie in New York und London gar nicht kennt. Handy ist hierfür ein schönes Beispiel. Oder Beamer. Noch dazu passiert in den USA eine interessante deutsch-englische Rückkopplung. So sickern deutsche Lehnwörter gerade in kunstsinnigen Kreisen jenseits des Atlantiks in die englische Sprache ein. Schadenfreude oder Weltschmerz etwa. Die Rückkopplung funktioniert auch in die anderen Richtung. Mein persönlicher Favorit: as wunderbare deutsch-jiddisch-englische Kauderwelsch-Adjektiv menschy, geschrieben mit Ypsilon.

Deutsche Sprache als Schwamm

Grundsätzlich gilt: Die deutsche Sprache war immer schon ein Schwamm, der Fremdwörter aufgesogen hat. Man könnte sogar weiter gehen und behaupten, sie sei erst durch die Umarmung des Fremden komplett. Um meine These zu untermauern, rufe ich Franz Kafka in den Zeugenstand. Der Prager Solitär hat Weltliteratur erschaffen, indem er das Fremdwerden in der eigenen Sprache gesucht und gefunden hat.

Die Dosis macht das Gift

Das Fremde in der Sprache ist also eine Bereicherung. Wer etwas anderes behauptet, ist entweder schlecht informiert oder verfolgt finstere ideologische Ziele. Dass damit nicht irgendwelche Dummheiten aus den Giftküchen der TV-Synchron-Branche gemeint sind, sollte selbstverständlich sein. Auch dass die Dosis das Gift macht, liegt auf der Hand.

Maßlos, hässlich und leider der Realität entlehnt ist etwa folgendes Satzverbrechen: Wir müssen die Full Service Agentur noch einchecken, damit die Give Aways für das Stakeholder Event on time gebrandet werden. (Wolfgang Zechner, derStandard.at, 17.7.2014)

Wolfgang Zechner beschäftigt sich als Autor, Texter und Journalist seit vielen Jahren mit dem Thema Sprache.

Twitter unter @WoZechner 
wolfgang-zechner.com

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