Trägheit und Undankbarkeit prägen Genderdebatte

Leserkommentar17. Juli 2014, 10:37
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Allmählich wird sie tatsächlich mühsam, die Diskussion ums Binnen-I

Es gibt wohl zwei Kategorien Mensch, die sich gegen geschlechtergerechten Sprachgebrauch wehren: die einen, die nicht wissen, wozu er dient. Wenn den Menschen der Zusammenhang von Sprache und Realität nicht erklärt wird, werden sie selbstverständlich an der Sinnhaftigkeit verbaler Ausformulierung der Geschlechter zweifeln, vor allem wenn sie einen sprachlichen und schriftlichen Mehraufwand bedeutet. So viel Faulheit dürfen wir Herrn Österreicher und Frau Österreicherin jedenfalls zugestehen.

Es ist wichtig zu wissen, dass Generationen von Frauen sich wahrlich aufgeopfert haben, um Frauen den Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu ebnen. Die Ersten haben im wahrsten Sinn des Wortes ihren Kopf dafür hingehalten, dass Frauen Schulen besuchen durften, dass sie an die Unis gehen konnten.

Olympe de Gouges kam für ihren Einsatz für Frauenrechte unter die Guillotine. Ja, meine Damen, so ging's damals ab. Die Nächsten gingen zeitweise ins Gefängnis, weil sie sich dafür einsetzten, dass Frauen sich in Vereinen zusammentun dürfen, dass sie das Wahlrecht erhielten, um die politische Situation mitzubestimmen. Ja, meine Damen, und viele von euch sind zu träge, dieses in Anspruch zu nehmen, weil ihr tatsächlich glaubt, ihr könntet nichts bewegen.

Wenn ihr nicht mitbestimmt, bestimmen die anderen

Das ist korrekt, wenn ihr nicht mitbestimmt, bestimmen die anderen. Die Letzten haben unter Spott, Häme und Verachtung ihrer Kollegen im Parlament dafür gesorgt, dass Ehemänner ihre Frauen nicht ungestraft schlagen und vergewaltigen dürfen und dass Frauen ohne Einverständnis ihres Ehemannes arbeiten gehen dürfen.

Und schlussendlich haben alle sich eingehend damit beschäftigt, wie Ungerechtigkeiten entstehen, und haben Sprache als einen wesentlichen Faktor entlarvt, der ein mächtiges Instrument ist, Realität zu schaffen, Lebenswelten zu gestalten, Menschen sichtbar oder unsichtbar zu machen.

Undankbarkeit

Ein langer Weg, der beschritten werden musste, um Frauen ein weitgehend freies und unabhängiges Leben zu ermöglichen. Und ihr macht diese Frauen schlecht, diese "Feministinnen und Emanzen". Ihr seid zutiefst undankbar! Ihr, die ihr all dies bis dato nicht wusstet, weil unser Bildungssystem versagt, gehört zur ersten Kategorie. Das Gute daran: Ihr könnt noch lernen.

Die zweite Kategorie umfasst jene Menschen, die sehr wohl wissen, dass es machttheoretisch Sinn macht, Menschen verbal auszublenden und sie unsichtbar zu machen. So können Menschen "klein gehalten" werden, so sind sie lenkbar. Diese Kategorie wünscht sich nichts mehr, als lange gewachsene hegemoniale Strukturen zu erhalten. Diese sind aus ihrer Sicht die einfachsten. Das Gute daran: Auch sie können noch lernen.

Sprache ist nicht in Stein gemeißelt

Sprache ist auch gewachsen – das ist korrekt. Und impliziert zugleich, dass sie niemals in Stein gemeißelt ist. Der Versuch, alle Menschen mittels Sprache abzubilden, ist eine große Errungenschaft im Sinne von Respekt gegenüber den einzelnen Individuen, in Richtung Umsetzung und Wahrung allgemeiner Menschenrechte. Wir sollten stolz darauf sein, bildungs- und lernfähige Wesen zu sein, und die Gabe Intelligenz nutzen, um uns weiterzuentwickeln in eine Richtung, die ein faires und friedliches Miteinander ermöglicht, in dem alle Menschen physisch und sprachlich ihren Platz finden.

Über das Wie können wir reden. Ob es nun das Binnen-I ist, die Ausformulierung beider Geschlechter oder das generische Femininum, in dem die männliche Form zumeist tatsächlich nicht nur "mitgemeint", sondern auch im Wortstamm klar sichtbar ist. Für Überlegungen in diese Richtung sollten wir unsere Zeit nutzen, anstatt uns gegeneinander aufhetzen und einander ausspielen zu lassen. (Gabriele Metz, Leserkommentar, derStandard.at, 17.7.2014)

Gabriele Metz arbeitet am Gender-Institut in Graz.

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