Wie ein Schwede 10.000 Wikipedia-Artikel am Tag schreibt

17. Juli 2014, 10:25
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Sverker Johansson für 2,7 Millionen Artikel verantwortlich - Methode jedoch umstritten

Sverker Johansson könnte zu den produktivsten Autoren der Welt gehören. Seit sieben Jahren schreibt der Schwede in seiner Freizeit mit an der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Laut den internen Statistiken stammen unglaubliche 2,7 Millionen Artikel aus seiner Feder. Das entspricht 8,5 Prozent der gesamten Wikipedia. Damit liegt er weit vor allen anderen Nutzern.

Besonders fleißig ist er beim Katalogisieren obskurer Tierarten, darunter Schmetterlinge und Käfer, und bei Porträts von Städten auf den Philippinen. Etwa ein Drittel seiner Einträge stellt er auf der schwedischsprachigen Variante von Wikipedia ein, den Rest in zwei Versionen von Filipino – eine davon die Muttersprache seiner Frau. Der Verwaltungsbeamte kann Abschlüsse in Linguistik, Bauingenieurwesen, Wirtschaft und Teilchenphysik vorweisen. Er sei schon lange am „Ursprung von so ziemlich allem" interessiert, berichtet er.

Doch mit seinen Methoden hat er sich bei Wikipedia-Puristen unbeliebt gemacht. Denn der Großteil seiner Einträge wurde von einem automatisierten Softwareprogramm, einem sogenannten Bot, verfasst. Kritiker monieren, dass Bots die Kreativität verdrängen, zu der nur Menschen fähig sind.

Johanssons Programm durchforstet Datenbanken und andere digitale Informationsquellen und baut daraus Artikel. An einem guten Tag könne sein „Lsjbot" bis zu 10.000 neue Einträge verfassen. Jeder registrierte Nutzer darf auf Wikipedia Artikel verfassen. Johansson muss daher nur eine verlässliche Datenquelle finden, ein passendes Muster für das Thema anlegen und dann seinen Bot starten. Die Software sucht nach den Informationen und veröffentlicht sie dann auf Wikipedia.

Bots werden schon lange eingesetzt, um Wikipedia-Artikel zu verfassen und zu bearbeiten. Doch seit einiger Zeit stammen immer mehr neue Einträge aus der Feder dieser Programme. Ihr Einsatz wird von einer Nutzergruppe, der „Bot Approvals Group", überwacht.

Johansson und weitere Bot-Anhänger stoßen aber immer wieder auf Ablehnung in der Wikipedia-Gemeinde. „Es gibt eine lautstarke Minderheit, denen das nicht gefällt", sagte Johansson kürzlich bei einem Vortrag. Trotzdem kämpft er weiter.

Umstrittene Hilfsprogramme

„Ich tue das, um im Internet absolute Demokratie zu schaffen", sagt er beim Interview in seinem Büro an der Universität von Dalarna. Wikipedia solle irgendwann einmal jedem die Informationen über alles liefern können. Sein Bot, an dem er Monate gearbeitet hat, sei ein Schritt in dieser Richtung – selbst wenn dieser nur rudimentäre Kurzeinträge, sogenannte Stubs, verfasst.

Achim Raschka ist einer der Gegner von Johansson. Der 41-jährige Deutsche schreibt oft tagelang an Artikeln über eine einzelne Pflanzenart. „Ich bin im Allgemeinen gegen die Produktion von botgenerierten Stubs", sagt er. Johanssons Programm stelle Quantität über Qualität und „hilft den Lesern und Nutzern der Wikipedia nicht".

Raschka sagt, die Einträge „enthalten nur mehr oder weniger korrekte taxonomische Informationen, nicht wie das Tier aussieht und andere wichtige Dinge." Andere äußern sich in öffentlichen Foren ähnlich. Sie vergleichen Johansson mit dem „Rambot", ein automatisiertes Programm, das rudimentäre Informationen zu US-Städten und Landkreisen in Artikel verpackt.

Wikipedia ist eine von ihren Nutzern in Gemeinschaftsarbeit verfasste Online-Enzyklopädie. Hinter ihr steckt die gemeinnützige Wikimedia-Stiftung. Die 30 Millionen Artikel in 287 Sprachen wurden allesamt von Freiwilligen geschrieben. Ein Vertreter der Stiftung antwortete nicht auf Kommentaranfragen.

Johansson gibt zu, dass die Artikel seines Lsjbot langweilig sein können. Dennoch seien sie wertvoll. Ein Beispiel sei der schwedische Eintrag für Basey, eine Stadt mit 44.000 Einwohnern auf den Philippinen. Er enthält Koordinaten, Angaben zur Bevölkerung und andere Details. Oben auf der Seite steht ein Hinweis, dass der Artikel mit Hilfe von Lsjbot verfasst wurde.

Tet-Offensive statt Tolkien

Als der Taifun Yolanda im vergangenen Jahr über Südostasien wütete, war in Zeitungsartikeln zu lesen, dass es in Basey Tote gab. Dank der Artikel von Johansson gab es Informationen zur Lage, Anfahrt und Bilder der Stadt. Außerdem, so sagt Johansson, könnten andere Autoren, die über mehr Fachwissen verfügen, später zusätzliche Informationen hinzufügen.

Bots sind zwar schnell und weitgehend genau – aber Fehler können trotzdem passieren, sagt Johansson. Zum Beispiel verarbeite seine Software nur Informationen in lateinischen Buchstaben. Als für ein Projekt Bilder von Vögeln benötigt wurden, griff der Bot auf die russische Version der Bilddatenbank Wikimedia Commons zu. Weil der Lsjbot damals aber kein Russisch sprach, machte er Fehler. Später änderte Johansson die Programmierung, um das zu verhindern.

Aktuell kommen die dankbarsten Themen für Bots aus dem technischen Bereich, von chemischen Elementen bis hin zu astronomischen Körpern. Helfen können sie auch bei einer Ausweitung eines Themas, etwa im Tierreich. Denn während es zahlreiche Artikel zu Tigern und Elefanten gibt, sind Würmer und Insekten unterrepräsentiert, erklärt Johansson.

Mit der Dokumentation vergleichsweise obskurer Fakten will er eines der seiner Ansicht nach größten Probleme von Wikipedia angehen. Viele Artikel seien von männlichen, weißen „Nerds" verfasst. Auf der schwedischen Wikipedia zum Beispiel gebe es über 150 Artikel über Figuren aus dem „Herrn der Ringe", aber weniger als zehn über Persönlichkeiten aus dem Vietnamkrieg. „Ich habe nichts gegen Tolkien, und ich kenne mich auch mehr mit der Schlacht gegen Sauron als mit der Tet-Offensive aus. Aber ist das wirklich eine ausgewogene Enzyklopädie?"

Johansson glaubt, sein Bot könne künftigen Autoren als Inspiration dienen, die über mehr Wissen als die üblichen Wikipedia-Nutzer verfügten. Ein Computerprogramm könne nicht über alles schreiben. „Wikipedia braucht auch Autoren, die Stimmungen beschreiben, literarische Qualität, diese Dinge – mein Bot wird das niemals können."

Es gibt durchaus auch Leute, die seine Mission schätzen. Lennart Gulbrandsson, Wikipedia-Vertreter in Schweden sagt: „Sverkers Arbeit hat ihren Wert bewiesen." Viele Skeptiker seien bekehrt worden. Doch Johansson macht es immer noch traurig, dass er weiter kritisiert wird. „Es betrübt mich, dass einige LSJbot nicht als würdigen Autoren betrachten. Ich bin eine Person, ich habe den Bot geschaffen. Ohne meine Arbeit hätten all diese Artikel nie existiert." (Ellen Emmerentze Jervell, wsj.de/derStandard.at, 17.7.2014)

  • Sverker Johansson steuert einen erheblichen Teil zu Wikipedia bei, seine Methode stößt jedoch auf Kritik.
    foto: epa/boris roessler

    Sverker Johansson steuert einen erheblichen Teil zu Wikipedia bei, seine Methode stößt jedoch auf Kritik.

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