Großputztag für den Riesenluster im Wiener Gemeinderat

Ansichtssache17. Juli 2014, 10:34
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Reinigungstrupp klettert alle zwei Jahre in den 3.200 Kilo schweren Luster - Leuchtriese bereits 1873 bei Weltausstellung - Einst von eigener Stromerzeugungsanlage betrieben

Wenn Wiens Rathausabgeordneten ein Licht aufgeht, ist das unter anderem dem 3.200 Kilogramm schweren Riesenluster im Gemeinderatssaal zu verdanken. Damit dessen Strahlkraft nicht schwindet, wird das 141 Jahre alte Ungetüm alle zwei Jahre gereinigt - was nun wieder einmal anstand. Dabei müssen die städtischen Putzprofis sogar in den hängenden Koloss klettern, wie sich bei einem APA-Besuch zeigte.

apa/herbert neubauer

Fünf Meter Durchmesser hat die mit exakt 213 Glühbirnen bestückte Lichtquelle an ihrer breitesten Stelle. Um dem Staub zu Leibe rücken zu können, haben die beiden mit der Generalreinigung beauftragten Rathausmitarbeiter Schwindelfreiheit und Artistik gleichzeitig zu beweisen.

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Das Reinigungsduo muss in die gigantische Konstruktion steigen, um - an Seilen gesichert - mit Druckluft und Beserl dem Schmutz Herr zu werden.

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foto: apa/herbert neubauer

Acht Stunden dauert der Großputz, begonnen wird bereits um 6 Uhr. Panzerglasplatten, die zwischen den Streben eingelegt sind, erleichtern dem Zweigespann die Arbeit. Sie dienen einerseits als Wartungsgang und schützen andererseits die darunterliegenden gewölbten Glaskörper vor gröbster Verunreinigung. Insofern werden die gläsernen Einsätze nur alle vier bis sechs Jahre poliert.

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Designt wurde das metalllastige Schmuckstück, das in seiner Form an eine von symmetrischen Streben durchbrochene Schale erinnert, von Friedrich Schmidt. Fertiggestellt war die Konstruktion bereits 1873, um bei der Weltausstellung im Wiener Prater gezeigt zu werden. Danach kaufte die Stadt den gigantischen Luster, um ihn 1878 erneut bei der Weltausstellung in Paris zu präsentieren - samt Plänen des damals gerade in Bau befindlichen Rathauses an der Ringstraße.

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Das von der dunklen Kassettendecke hängende Monstrum trug im Übrigen auch daran Mitschuld, dass der Bau des Gemeinderatssaal erst zwei Jahre nach der offiziellen Fertigstellung des Rathauses (1883) abgeschlossen wurde.

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Denn die Stadtverwaltung wollte den im ersten Stock gelegenen Sitzungssaal der Kommunalregierung als einzigen Raum des Neubaus nicht via Gaslampen, sondern bereits elektrisch erleuchtet wissen. Damals spielte nur der Rittersaal der kaiserlichen Hofburg dieses technische Stückerl. Um im Rathaus bzw. im Gemeinderat gleichziehen zu können, musste allerdings eine eigene - inzwischen längst verschwundene - Stromerzeugungsanlage in der Etage darüber installiert werden.

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Obwohl mittels eigener Stahlkonstruktion sicher im Dachboden verankert, trieb das strahlende Schwergewicht den darunter sitzenden Abgeordneten regelmäßig die Schweißperlen auf die Stirn. Der Grund: Die damals noch 260 Glühbirnen strahlten eine enorme Hitze ab. In den 1960er-Jahren wurde der Luster deshalb um einen Meter höher gehängt. Seit Anfang der 1990er-Jahre gibt die meterhohe Konstruktion noch weniger Wärme ab. Denn damals wurde auf Energiesparlampen umgerüstet und gleichzeitig die Zahl der Birnen von 260 auf 213 reduziert. Statt 15 Kilowatt pro Stunde komme man nun mit drei aus. (APA/red, derStandard.at, 17.7.2014)

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