Alpintourismus wird zum Drahtseilakt

16. Juli 2014, 17:36
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Ein möglicher Seilbahnbau im Schutzgebiet der Tiroler Kalkkögel avanciert zur Zerreißprobe der Landesregierung

Innsbruck - Man könne eben bloß so weit denken, wie man sehe, sagte kürzlich ein junger Innsbrucker auf dem Weg zum Berg. Für ihn sei das eine Begründung dafür, warum die Tiroler besonders gern Gipfel erklimmen und in der unbelassenen Natur und der Stille der Alpen von oben eine neue Perspektive suchen - und warum sie ihre Wiesen, Seen und Berge so schätzen.

Eines dieser Naturjuwelen sehen Umweltverbände, Naturschützer und die Tiroler Grünen derzeit in Gefahr, "wirtschaftlichen Interessen zum Opfer zu fallen". Denn geht es nach der Tiroler Volkspartei, sollen die beiden Skigebiete Axamer Lizum und Schlick zusammengeschlossen werden - über eine Seilbahn, die im Ruhegebiet der Kalkkögel, einer Bergkette der Stubaier Alpen, verlaufen müsste. "Diese Skigebiete spielen eine wichtige Rolle im Zentralraum Innsbruck, jedes für sich ist jedoch nicht mehr überlebensfähig. Wenn wir sie nicht verbinden, müssen sie zusperren", sagt VP-Klubobmann Jakob Wolf.

Mehr als "hübsche Wandermöglichkeit"

Die Tiroler Debatte sei nur ein Beispiel einer grundlegenden Frage, glaubt Peter Zellmann, Leiter des Instituts für Tourismusforschung: "Wie man Ökologie und Ökonomie unter einen Hut bringt, ist die Aufgabe schlechthin." Denn der Tourismus sei längst kein Selbstläufer mehr wie noch vor fünfzig Jahren. "Die Urlauber wollen zwar Naturnähe, aber ein inszeniertes Outdoorerlebnis. Nur eine hübsche Wandermöglichkeit reicht da nicht."

Für den Erhalt des Ruhegebiets Kalkkögel hat der Alpenverein eine Petition gestartet und bis Donnerstag mehr als 8.600 Unterstützer gefunden. Doch der mögliche Seilbahnbau spaltet nicht bloß Touristiker und Naturschützer, sondern auch die schwarz-grüne Tiroler Landesregierung. Will die Volkspartei das Projekt ohne ihren Juniorpartner durchsetzen, müsste sie mithilfe anderer Parteien im Landtag das Naturschutzgesetz ändern.

Möglicher Völkerrechtsbruch

"Wenn das geschieht, wäre der Schutz aller Ruhegebiete dahin, und die Grünen müssten konsequenterweise die Koalition sprengen", sagt der Innsbrucker Verfassungsjurist Karl Weber. Darüber hinaus würde eine solche Abänderung vermutlich gegen das Naturschutzprotokoll der Alpenkonvention und damit gegen Völkerrecht verstoßen.

Trotz öffentlicher Zuwendungen kämpfen vor allem kleine Skigebiete österreichweit ums Überleben. "Ein Umstieg auf ganzjährige Angebote ist aber deutlich schwieriger, als es oft propagiert wird", sagt Zellmann. Deshalb brauche es Busverbindungen von den kleinen zu den großen Gebieten und umweltfreundliche Beschneiungstechnologien.

Entwicklung verschlafen

Liliana Dagostin vom Alpenverein sieht das anders: "Wir können nicht ewig mit Ingenieurwesen gegen die Natur ankämpfen. Wir müssen unsere atemberaubenden Landschaften und unberührte Gebiete doch schützen." Die touristischen Möglichkeiten seien vielfältig, glaubt Zellmann. "In Österreich wurden nur viele Entwicklungen bereits verschlafen." (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 17.7.2014)

  • Um zwei Skigebiete zu retten, will die Tiroler Volkspartei eine Seilbahn in das Ruhegebiet  der Kalkkögel bauen. "Naturjuwel fällt Wirtschaft zum Opfer", warnen Naturschützer.
    foto: alpenverein

    Um zwei Skigebiete zu retten, will die Tiroler Volkspartei eine Seilbahn in das Ruhegebiet  der Kalkkögel bauen. "Naturjuwel fällt Wirtschaft zum Opfer", warnen Naturschützer.

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