Verschönerung des Niedergangs

Kommentar der anderen16. Juli 2014, 17:24
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Bei der Debatte ums Binnen-I geht es um den Machtverlust einer Elite

Wenn eine kleine Gruppe eine andere Gruppe als Minderheit bezeichnet. Dann geht es um Macht. Wenn die Bezeichnung Minderheit zu einer Beschuldigung wird und so geredet wird, als wäre der eigene Leidensdruck nun unerträglich geworden, dann erinnert das an das nationalistische Selbstbestätigungsreden des 19. Jahrhunderts. Wenn noch dazu der Leidensdruck aus einer Binnenlösung kommt, dann ist dieses Sprechen bei einer Kriegserklärung angekommen. Erfühltes Leid aus territorialer Ungerechtigkeit.

Und tatsächlich. Es handelt sich bei den Kronen Zeitungs-Briefschreibern um jene Generation von Männern, die mit dem Binnen-I eine Veränderung erlebten. Weggenommen wurde ihnen ja nichts. Die Wahrheit bleibt die Lohnstatistik, und da musste kein Mann wegen einer Frau eine Kürzung in seinem Einkommen hinnehmen. Der Niedergang hat ja ganz andere Gründe als das bisschen Erinnerung daran, dass es die Frauen auch noch gibt. Der Erste Weltkrieg hat aus ganz ähnlichen Gründen am Beginn diese ungeheure Zustimmung bekommen. Damals ging es um Bevorzugung oder Benachteiligung bei der Vaterfigur Kaiser. Heute wendet man sich an die Kronen Zeitung.

Aber das ist verständlich. Auch Philosophen müssen sich heute der Quasidemokratisierung der neoliberal Selbstermächtigten stellen. So ein altmodischer Mann gilt da gar nichts. Da muss dann ein Feind gesucht werden. Eine Minderheit muss her, der man die Schuld zuschieben kann. Eine Gruppe aus einer verschwundenen Hegemonie möchte ihren Niedergang noch einmal schnell durch einen kleinen Sieg verschönern. Alte Eliten werden nicht gerne alt und wollen sich etwas einreden. Um Ästhetik geht es da sicher nicht.

Für Personen, die mit dem Binnen-I aufgewachsen sind, stellt sich diese Frage nach einer Ästhetik nur, wenn sie einer rassistischen Ideologie verbunden sind. Aber bitte. Ich schenke allen das Binnen-I. Es ist ohnehin deutlicher und klarer, wenn immer alle genannt werden, und es fällt nicht schwer, Bürgerinnen und Bürger zu sagen.

Aber wenn wir wieder einmal darüber reden, dann sagen wir bitte entweder Dame Streeruwitz oder Mann Liessmann. Ich bleibe gerne bei der einfachen Benennung des Geschlechts: also Frau Streeruwitz und Mann Liessmann. Aber wenn die Männer Herren bleiben wollen, dann bestehe ich auf dem Gleichheitsgrundsatz und will mit Dame angeredet werden. Sie entscheiden. (Marlene Streeruwitz, DER STANDARD, 17.7.2014)

Marlene Streeruwitz ist Schriftstellerin und lebt in Wien. Zuletzt erschien ihr Roman "Nachkommen" (Fischer).

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