Hillary Clinton stolpert über ihren American Dream

17. Juli 2014, 13:29
106 Postings

Die USA debattieren über das Einkommen der wahrscheinlichen Präsidentschaftskandidatin 2016

Es begann mit einem Versprecher. Hillary Clinton saß in ihrer Villa im Washingtoner Nobelviertel Georgetown, cremefarbene Sofas, Kandelaber an den Wänden, und gab Diane Sawyer, der Starmoderatorin des TV-Kanals ABC, ein Interview. "Als wir aus dem Weißen Haus auszogen", sagte sie, "hatten wir Schulden, wir waren total pleite." Dead broke. Wer den englischen Originalbegriff hört, denkt an Obdachlose, an die Immobilienkrise, an Zwangsversteigerungen. An Bill und Hillary Clinton denkt er nicht.

Nun, sie habe das vielleicht unglücklich formuliert, ruderte die 66-Jährige zurück, als sich Spötter zu Wort meldeten. Sie habe eher skizzieren wollen, dass es auch Tiefen gab in ihrem Leben, das Pekuniäre eingeschlossen. Es war zu spät. Auf einmal wird das Geld der Clintons zum großen Streitthema.

Bescheidene Verhältnisse

Experten schätzen das Vermögen des Ehepaars auf rund 100 Millionen Dollar. Das allein wäre noch kein Grund für eine Kontroverse, Neid auf die Besitztümer anderer gehört eher nicht zur amerikanischen Debattenkultur. Doch politisch hat die Sache Brisanz. Der Wahlkampf 2016 wirft seine Schatten voraus, und Hillary Clinton - mögliche, ja wahrscheinliche Präsidentschaftskandidatin - will sich als Sprachrohr der Mittelschicht profilieren.

Sie stammt selbst aus einer typischen Mittelschichtfamilie, aus Park Ridge im grünen Vorortgürtel um Chicago. Ihr Gatte Bill, aufgewachsen im ländlichen Arkansas, verbrachte seine Kindheit in Armut, drangsaliert vom alkoholsüchtigen Stiefvater. Eigentlich symbolisieren beide den legendenumflorten amerikanischen Traum, wonach es jeder mit ein bisschen Glück schaffen kann, wenn er sich nur anstrengt. Und dennoch versuchen die Republikaner, Hillary in dieselbe Ecke zu stellen, in der Mitt Romney 2012 das Duell gegen Barack Obama verlor. Zu abgehoben, zu weich gebettet, um noch zu wissen, was Joe Normalverbraucher umtreibt.

Schulden schnell abgebaut

Tatsächlich war der Clinton'sche Schuldenberg auf zwölf Millionen Dollar angewachsen, als Bill im Jänner 2001 das Oval Office verließ. In erster Linie lag es an Anwaltsrechnungen - eine Folge der Lewinski-Affäre. Doch der Staatschef a. D. verstand es, seinen Ruhm zu versilbern. 13 Millionen Dollar an Redehonoraren allein in den ersten zwölf Monaten nach seinem Abschied. Als seine Frau ihren Ministerposten aufgab, stand sie ihm in nichts nach. Eine Hillary-Clinton-Rede kostet den Veranstalter im Schnitt 200.000 Dollar, das ist fast das Vierfache des mittleren US-Haushaltseinkommens. Im Jahr.

Widerspruch regt sich vor allem, weil Clinton keine Ausnahmen zu kennen scheint. Zu denen, die tief in die Tasche greifen, um sie zu verpflichten, gehören acht Universitäten. Ein heikles Kapitel, schon wegen der Collegegebühren, die Studierende zwingen, Kredite aufzunehmen, sodass sie mit einer fünf- oder sechsstelligen Schuldenlast ins Berufsleben starten. Nicht weniger umstritten ist die Spitzengage von 400.000 Dollar, die sie als Gast eines Kongresses von Goldman Sachs erhielt.

Sexismus-Debatte

Die Aufregung darüber hat auch mit der Seelenlage der Demokraten zu tun. Wenn Clinton an den Start des Rennens ums Weiße Haus geht, scheint sie in den eigenen Reihen praktisch konkurrenzlos. Mit einer Ausnahme: Elizabeth Warren, Senatorin aus Massachusetts, könnte ihr Paroli bieten. Warrens Leitmotiv ist die wachsende Kluft zwischen dem "Ein-Prozent-Amerika" der Wohlhabendsten und dem großen Rest. Die frühere Harvard-Professorin findet Zuspruch, wenn sie gegen Wall-Street-Banker wettert, die das Land in den Crash stürzten und hinterher nicht geradestehen wollten für ihre Fehler.

Donna Brazile, Strategin der Demokratin, spricht von Sexismus, von der Herabsetzung einer Politikerin, die sich nicht anders verhalte als männliche Kollegen. Prominente Republikaner wie Colin Powell, einst General, später Außenminister, gehören zu den Großverdienern des Redekarussells. Desgleichen Jeb Bush, Bruder von George W. und möglicher Kandidat 2016. "Was ist falsch daran", fragt sie, "was ist falsch, wenn eine Frau genauso viel Geld machen kann wie ein Mann?" (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 17.7.2014)

  • Bill war schon, Hillary Clinton will noch Staatsoberhaupt der USA werden. Ein Vorhaben voller Hindernisse.
    foto: reuters/kevin lamarque

    Bill war schon, Hillary Clinton will noch Staatsoberhaupt der USA werden. Ein Vorhaben voller Hindernisse.

Share if you care.