Frankreich: Firmen können Alkohol am Arbeitsplatz verbieten

17. Juli 2014, 05:30
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Regierung begründet Neuerung mit Sicherheit und Gesundheit

In Frankreich tut sich Revolutionäres. Das Land des Rotweines will am Arbeitsplatz keinen Alkohol mehr tolerieren. Das entsprechende Dekret 2014-754/4228-20 von Premierminister Manuel Valls ist schon am 4. Juli in Kraft getreten.

Der Zeitpunkt war allerdings ungünstig gewählt: Erstens war Freitag, und dabei wird in vielen französischen Unternehmen das Wochenende mit einem kleinen Umtrunk eingeläutet. Und vor allem spielte die Fußballelf Frankreichs an jenem Nachmittag in Rio de Janeiro gegen Deutschland. In den Büros und Fabriken waren die Flaschen schon kaltgestellt, und trotz der französischen Niederlage blieben sie kaum im Firmenkühlschrank stehen.

Keine Muntermacher

Doch jetzt ist die Fußball-WM zu Ende, und langsam dämmert es in den Köpfen der "salariés", der französischen Erwerbstätigen: Es soll Schluss sein mit dem morgendlichen Muntermacher oder dem feuchtfröhlichen Aperitif.

Harte Getränke wie Schnaps waren in den Unternehmen bereits verboten; erlaubt waren hingegen Wein, Bier, Apfelwein (Cidre) und Birnenmost. Bloß hielt sich niemand wirklich daran: Der Beginn der Sommerferien etwa wird in Frankreich natürlich comme il faut mit Champagner begossen und gerne mit einem Cognac oder Calvados beschlossen.

Die Regierung begründet die Neuerung mit der "Sicherheit und der geistigen wie körperlichen Gesundheit" der Erwerbstätigen. In einem Land, wo seit Jahren schon ein Rauchverbot gilt, haben auch der kleine Rote, der Flachmann oder der Pastis keinen Platz mehr. Gewiss sinkt der Alkoholkonsum in Frankreich seit Jahrzehnten; aber noch immer sterben daran jährlich 49.000 Franzosen - weit mehr als hundert pro Tag.

Freiwillig nüchtern

Dass eine kleine "Fahne" im Chemielabor, auf der Baustelle oder gar im Operationssaal von Gesetzes wegen zulässig war, sorgte in Frankreich seit langem für Kopfschütteln. Doch die Toleranzgrenze bleibt im Land des Savoir-vivre eben höher als anderswo. Die Zeitung Le Monde fragte nach dem Erscheinen des Dekrets verzweifelt: "Was kann man am Arbeitsplatz noch trinken?" Das Renommierblatt fand die einzige Antwort in einem älteren Dekret R4225-, das ganz nüchtern festhält: "Die Arbeitgeber müssen den Arbeitern trinkbares und frisches Wasser zur Verfügung stellen." Dabei singen zum Beispiel die französischen Schriftsetzer in ihrem bekannten Trinklied: "Auf die Gesundheit des Kumpels / der uns heute erfreut / ohne Wasser, ohne Wasser, ohne Wasser!"

Eine Hintertür lässt aber auch das neue Dekret offen. Es stellt den Entscheid jedem Arbeitgeber anheim. (Stefan Brändle, DER STANDARD, 17.7.2014)

  • Getrunken werden darf nur mehr in der Freizeit, entschied die Regierung von Francois Hollande
    foto: reuters/charles platiau

    Getrunken werden darf nur mehr in der Freizeit, entschied die Regierung von Francois Hollande

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