Hoffende und Verzweifelte - ausweglos auf dem Weg

16. Juli 2014, 17:21
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Jetzt und unbedingt: Dorothee Elmiger bleibt in ihrem zweiten Roman "Schlafgänger" ihren Stärken treu

Wien - Nicht in den Zentren, sondern an der Peripherie, an den Rändern, in den Grenzregionen würden heute soziale und politische Brüche sichtbar, sagte Maja Haderlap in ihrer zur Eröffnung des Bachmannpreises gehaltenen "Klagenfurter Rede zur Literatur".

Und es ist vielleicht kein Zufall, dass sich auch Urs Jaeggi, der in Mexiko-Stadt lebende Bachmannpreisträger des Jahres 1981, in einem Essay seines unlängst bei Ritter erschienen Bandes Kunst ist überall mit Übergangszonen befasst: "Es geht", so Jaeggi, "bevor die Grenze überschritten wird und nach dem Überschreiten bis zum ersten sicheren Ort um Angst und Verzweiflung." Grenzgänger, so Jaeggi weiter, sind Hoffende oder restlos Verzweifelte. Ausweglos auf dem Weg.

Veränderung des Lichts

Einladung an die Waghalsigen hieß denn auch Dorothee Elmigers Debütroman, in dem zwei Schwestern in einer postapokalyptisch versehrten Landschaft nach Zukunft und einer neuen Sprache suchten: "Von der Zeit kurz nach dem Aufwachen müssen wir sprechen, von der Veränderung des Lichts im Lauf des Tages zum Besseren hin, von den Anzeichen des nächsten Tages, der so sein wird, wie wir das wollen. (...) Wir müssen zu Recht behaupten, dass dieser Zustand nicht der letzte ist. Wir dürfen nicht glauben, dass die Dinge unumstößlich sind!"

Gerade 25 Jahre alt war Elmiger, als sie 2011 mit Auszügen aus dieser Einladung, die auch eine Ermutigung ist, beim Bachmannpreis für Aufsehen sorgte. "Während ich schrieb, dachte ich: Es ist offensichtlich vermessen zu schreiben, ich bin viel zu jung. Gleichzeitig: Später ist es zu spät, es ist jetzt, immer Jetzt, und Unbedingt", heißt es im Debüt. Diesem Motto ist Elmiger auch in ihrem zweiten Roman Schlafgänger treu geblieben. Und wie im Erstling geht es ihr auch diesmal nicht darum, eine Geschichte am Faden eines Plots ans Licht zu ziehen, vielmehr steckt die Autorin sprachlich einen Resonanzraum ab, in dem die Themen Grenze und Grenzüberschreitung verhandelt werden.

Körper und Deklassierte

Es ist ein ganzer Chor von Stimmen, den der Leser der Schlafgänger vernehmen kann. Da ist einmal eine Übersetzerin, die im Schlaf das europäische Gebirge einstürzen sieht. Weiter sind da als Figuren bzw. Stimmen noch vorhanden: Fortunat Boll, eine gewisse A. L. Erika, eine Schriftstellerin, deren Texte von allem und vom Nichts handeln, ein Journalist und ein schlafloser Logistiker, Seefrachtimport seine Profession.

Jede der Figuren spricht in Ich-Form manchmal zu sich selbst, meist zu den andern. Nicht immer ist genau auszumachen, wer redet. So verfließen nicht nur die geografischen Grenzen in diesem in Basel, in Deutschland, in den USA spielenden Buch, sondern auch die individuellen.

Immer wieder klingt das Thema Asyl an. So spricht der Journalist von Asylwerbern, die ihre Fingerkuppen abreiben, damit man sie nicht über Fingerabdrücke identifizieren kann. Der Körper, die Abgrenzung zwischen Innen- und Außenleben, ist ein wichtiges Thema in diesem Buch, das seinen Titel jenen Deklassierten verdankt, die zu Beginn der Industrialisierung vom Land in die Städte drängten. Auch nach Wien, wo man sie, da sie sich den gemieteten Schlafplatz mit anderen teilen mussten, Bettgeher nannte.

Es ist trotz seiner dunklen Grundierung viel Poesie in diesem Roman, der subtil vorführt, was schon immer das Privileg der Literatur war, nämlich zu zeigen, dass nichts disparat, sondern - im Gegenteil - alles miteinander verbunden ist. Historisch, geografisch, ökonomisch, sozial. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 17.7.2014)

  • Wir dürfen nicht glauben, dass die Dinge unumstößlich sind. Dorothee Elmiger auf einer 2011 entstandenen Aufnahme.
    foto: reuters / herwig prammer

    Wir dürfen nicht glauben, dass die Dinge unumstößlich sind. Dorothee Elmiger auf einer 2011 entstandenen Aufnahme.

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