Grönemeyer statt "Böhse Onkelz": ZDF manipulierte schon 2007 Musikshow

16. Juli 2014, 13:50
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Band musste bei Voting für "Unsere Besten – Musikstars aller Zeiten“ von Platz eins auf 25 retour

Die Kalamitäten, wenn das ZDF sein Publikum befragt, sind um eine Facette reicher. Die Manipulation der Ranglisten bei "Deutschlands Beste" war nämlich nicht die erste Umreihung, die der Sender vornahm, das berichtet der "Tagesspiegel" am Dienstag. Am Donnerstag wurden auch personelle Konsequenzen gezogen, ZDF-Unterhaltungschef Oliver Fuchs tritt zurück.

Bereits 2007 war der Redaktion das Online-Voting für die Show "Unsere Besten – Musikstars aller Zeiten“ nicht genehm. Um der wegen ihrer rassistischen Texte umstrittenen Band "Böhse Onkelz" keine Bühne zu bieten, wurde die Musikgruppe kurzerhand von Platz eins nach der Abstimmung auf Platz 25 zurückgereiht.

Fans mobilisiert

Ähnlich wie bei "Deutschlands Beste" wurde auch 2007 eine Vorschlagsliste mit 250 Namen von Klassik über Rock bis Volksmusik ins Netz gestellt. Die "Böhsen Onkelz"-Fans ließen sich nicht lange bitten und katapultieren die Band mit ihren Stimmen auf Platz eins - mit deutlichem Vorsprung, schreibt der "Tagesspiegel".

ZDF: Fans herausfiltern

Die "Neureihung", die schließlich in Platz 25 für die "Böhsen Onkelz" resultierte, begründete ein ZDF-Sprecher so: "Die früheren Shows stützten sich nicht auf repräsentative Umfragen, sondern auf Online-, Post und Telefonbefragungen. Dabei wurde darauf geachtet, dass offensichtliche Blockvotings etwa von Fangruppen herausgefiltert wurden. Das betraf auch die genannte Band in der Musiksendung."

In der Sendung selbst wurde die Zurückstufung nicht thematisiert. Ebenso wenig wie die Frage jetzt, ob das Siegertrio von damals - Grönemeyer, Udo Jürgens und Mozart, auch durch den "Blockvoting-Filter" musste.

Fernsehrat will Experten einbeziehen

Der Fernsehrat des ZDF plädiert dafür, bei künftigen Shows mit Umfragen Experten ins Boot zu holen. "Zu möglichen strukturellen Konsequenzen könnte gehören, dass bei jeder Sendung, in die Zuschauer per Umfrage repräsentativ einbezogen werden sollen, eine Stelle mitwirkt", teilte Ruprecht Polenz, Vorsitzender, der Nachrichtenagentur dpa mit. Dies solle eine Institution sein, die mit derartigen Befragungen Erfahrungen habe "wie zum Beispiel die ZDF-Medienforschung oder die Forschungsgruppe Wahlen".

Pilawa: "scripted reality in der Unterhaltung"

Kritik kommt auch von Moderator Jörg Pilawa, der zu Jahresbeginn vom ZDF zur ARD wechselte. Mit der Manipulation sei "scripted reality jetzt auch in der Unterhaltung angekommen". Das Fernsehen entferne sich auf diese Weise vom Zuschauer. Unter "scripted reality" versteht die Branche TV-Beiträge, die dokumentarisch wirken, aber von Drehbuchautoren verfasst werden. (red, APA, derStandard.at, 16.7.2014, Update: 17.7.2014)

  • Das Glaubwürdigkeitsproblem beim ZDF wird größer.
    foto: apa/epa/pedersen

    Das Glaubwürdigkeitsproblem beim ZDF wird größer.

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