Beethoven ohne gebrochene Nase

16. Juli 2014, 17:23
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Der Carinthische Sommer präsentiert einen Schwerpunkt mit Beethoven-Werken. Dabei demonstriert der holländische Dirigent Harke de Roos seine Hörweise der siebten Symphonie, die er in recht ungewohnten Tempi präsentieren wird

Wien - Überfordert die Gegenwart mit ihrem erdrückenden Dokumentationsfetischismus, nötigt sie Zeitgeschichtler, sich mehr und mehr der Profession der Datenmüllbergsteiger und -sortierer anzunähern, so bezirzt die Vergangenheit gerne mit eher spärlicherer Quellenlage. Trotz Legionen hingebungsvoller Historiker gibt es da immer noch reichlich schöne Rätsel.

Bei Ludwig van Beethoven, dem Feuerkopf und freien Radikalen, dem manischen Motivforscher und Genauigkeitsfanatiker, irritierte die Forschung wie die ausübenden Musiker jedoch ein Faktum: nämlich die Metronomzahlen für einige seiner Werke, die der Komponist anno 1817, kurz nach der Patentierung von Mälzels Metronom, für Mit- und Nachwelt festhielt.

Als zu schnell wurden viele der Tempi befunden, als unspielbar sogar. Wenige, wie Arnold Schönberg, sahen sie als Ausdruck von Beethovens Modernität. Erst in jüngerer und jüngster Zeit wurden sie vermehrt ernst genommen und annähernd umgesetzt wie etwa von John Eliot Gardiner und Riccardo Chailly bei deren Gesamtaufnahmen der Symphonien.

Beethovens Euphorie

Es gibt allerdings auch eine Stimme, die hierzu - relativ einsam und beinahe resonanzfrei - seit Ende der 1980er-Jahre eine komplett andere Sichtweise der Dinge vertritt: Harke de Roos. Aufgrund seiner (auch juristischen) Streitigkeiten mit Johann Nepomuk Mälzel, dem Erfinder und emsigen Entrepreneur, sei Beethoven dem mechanischen Taktmesser und -schläger des gebürtigen Regensburgers äußerst skeptisch gegenübergestanden, erzählt de Roos in seinem gerade bezogenen Haus in Wien-Mauer. Beethovens Euphorie in einem Schreiben an Ignaz Mosel über die vermeintlichen Segnungen von Mälzels Metronom deutet de Roos als verkappten Sarkasmus.

Auf die Aufforderung, Metronomangaben für einige seiner Werke zu notieren, habe Beethoven zwar reagiert, aber mit der ihm eigenen Eigensinnigkeit: Der Titan der Tonkunst habe die meisten seiner Metronomangaben "verrätselt".

In der siebten Symphonie, die Harke de Roos am Donnerstag mit der Wiener Kammerphilharmonie beim Carinthischen Sommer aufführen wird, sei etwa im Kopfsatz die Metronomangabe für die Poco-sostenuto-Einleitung (69 für die Viertelnote) beim Vivace-Hauptteil für die punktierte Viertelnote zu übernehmen. (Beethoven hat hier 104 für die punktierte Viertelnote notiert.)

Damit Beine nachkommen

Und warum? In der Klassik sei ein Satz immer eine Einheit, ein Ganzes, so de Roos. Der Grundpuls müsse immer beibehalten werden. Die größere Lebendigkeit des Vivace-Teils ergäbe sich automatisch, sei quasi auskomponiert: Das Thema der Einleitung schreitet nobel in halben Noten voran, jenes des Hauptteils tänzelt in munteren Achtelnoten dahin.

Der 71-Jährige setzt sich ans Pianoforte und demonstriert dies leise. Auch den mit Presto bezeichneten dritten Satz tanzt der Holländer deutlich gemächlicher als in den von Beethoven geforderten 132 Schlägen für die punktierte Halbe, "damit die Beine nachkommen"; noch einmal deutlich langsamer dann der Trio-Teil, assai meno presto.

Wissenschaftliche Beweise für die angebliche teilweise "Verrätselung" der Metronomzahlen gibt es nicht. Warum nun soll ausgerechnet der Genauigkeitsfanatiker Beethoven bei so einer kardinalen Interpretationsrichtlinie wie der Metronomangabe bewusst falsche Zahlen angegeben haben?

"Beethoven hatte auch selbstzerstörerische Elemente", meint de Roos, "und er hatte ein schwieriges Verhältnis zu seiner Umwelt. Es kann sein, dass es ein Test war. Er wollte, dass man darüber nachdenkt, dass man ihn danach fragt. Man hat ihn aber nicht gefragt. Und das war sicher seine größte Enttäuschung." Komponist Beethoven habe also sein ganzes Werk mit Brüchen vererbt: "Er zerstörte damit die Einheit, die es strukturell gibt."

Man stelle sich vor, sagt de Roos, Leonardo da Vinci hätte aus einer Laune heraus, oder weil er langsam erblindete, seine Mona Lisa übermalt und ihr eine gebrochene Nase verpasst. Dann hätte die Nachwelt jahrhundertelang die gebrochene Nase als da Vincis ursprüngliche Intention gesehen, bis irgendwann ein findiger Restaurator die Übermalung bemerkt hätte.

Wie hat denn die Umwelt bis jetzt auf seine Thesen reagiert? "Gar nicht" . Sein Buch darüber (Harke de Roos: Der andere Beethoven, Katharos-Verlag) hätte kaum Resonanz gefunden, eine Radiosendung bei Rias Berlin sei ungehört verschallt. Nur in Beethovens Wahlheimat stieß er nicht auf taube Ohren: Mit den Wiener Symphonikern nahm de Roos 2010 Beethovens zweite Symphonie auf (bei Gramola erschienen), und jetzt bietet ihm Intendant Thomas-Daniel Schlee beim Carinthischen Sommer eben eine Bühne, seine Hörweise von Beethovens siebter Symphonie zu präsentieren.

Die richtige Gestalt

"Ich finde es toll, dass es nach so vielen Jahren doch noch gemacht wird", freut sich de Roos. Er habe eigentlich nicht mehr damit gerechnet, dass es noch passiert. "Beethovens Siebte wird zum ersten Mal in ihrer richtigen Gestalt präsentiert. Das ist meine Behauptung. Und jetzt sollen die Leute kommen und sagen, ob das stimmt oder nicht."

Er fügt hinzu: "Wenn angenommen wird, dass es richtig ist, dann ist es ein Weltereignis." Oder aber die Aufführung wird als ein großes Rätsel in die Festivalgeschichte des Carinthischen Sommers eingehen. (Stefan Ender, DER STANDARD, 17.7.2014)

Das Konzert mit der Wiener Kammerphilharmonie und Harke de Roos findet am 17. Juli im Rahmen des Beethoven-Schwerpunkts des Carinthischen Sommers statt, den der Dirigent Andris Nelsons, Pianist Rudolf Buchbinder und das City of Birmingham Symphony Orchestra dann am 27. August beschließen.

  • Der holländische Dirigent Harke de Roos: "Beethoven hatte auch selbstzerstörerische Elemente, und er hatte ein schwieriges Verhältnis zu seiner Umwelt."
    foto: standard / regine hendrich

    Der holländische Dirigent Harke de Roos: "Beethoven hatte auch selbstzerstörerische Elemente, und er hatte ein schwieriges Verhältnis zu seiner Umwelt."

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