Binnen-I-Debatte: "Man muss Sprache nicht ästhetisch bewerten"

Interview16. Juli 2014, 14:56
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Sprachwissenschaftlerin Posch kritisiert Sprachverbote und regt zum Nachdenken und sprachlichen Experimentieren an

Die Innsbrucker Sprachwissenschaftlerin Claudia Posch, die sich insbesondere mit feministischer Linguistik beschäftigt, kritisiert im Gespräch mit derStandard.at den aktuellen Entwurf der Önorm zur schriftlichen Kommunikation: "Man kann doch sprachliche Kreativität nicht verbieten." Sie ist gegen das Verbot des Binnen-I, wie es in einem offenen Brief an Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) und Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) am Montag gefordert wurde. Über "EuroCity", iPhone und Feministen sprach Posch mit derStandard.at.

derStandard.at: In einem offenen Brief an Frauenministerin Heinisch-Hosek und Wissenschaftsminister Mitterlehner schreiben die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner, das Binnen-I würde die Sprache "verunstalten". Muss Sprache schön sein?

Posch: Man kann Sprache grundsätzlich nicht ästhetisch bewerten. Das wäre auch sinnlos. Nach welchen Kriterien sollte man denn dabei vorgehen? Und warum sollte ausgerechnet ein Großbuchstabe die Sprache verunstalten? Wir fahren ja auch mit dem "EuroCity" oder verwenden das "iPhone". Da stört uns das auch nicht besonders. Ein Großbuchstabe kann nicht schön sein oder nicht. Man würde ja auch nicht sagen, das Nibelungenlied sei hässlich, weil damals alles kleingeschrieben war.

derStandard.at: Sprache hat also auch viel mit Gewohnheit zu tun?

Posch: Die Sprache ist einem ständigen Wandel unterzogen. Es kommen dauernd neue Wörter und Ausdrücke herein. Zum Beispiel durch die Social Media. Auf Twitter sieht man jetzt ganz häufig ein Symbol, den sogenannten Hashtag, der vor den Wörtern steht. Das gab es früher auch nicht, und an das haben wir uns innerhalb von kürzester Zeit gewöhnt. Weil wir es jetzt als wichtig erachten. Diese Bestrebungen, Sprache überhaupt zu normieren, gibt es übrigens erst seit etwa hundert Jahren. In alten Quellen gibt es zum Teil von einem Wort fünf unterschiedliche Schreibweisen auf einer einzigen Seite, und die Leute sind damit leicht zurechtgekommen. Sprache regeln zu wollen ist ein junger Prozess. Aber wir müssen diese Regelungen auch immer wieder anpassen.

derStandard.at: Auf eine neue Normierung zielt ja auch die Önorm 1080 ab. Geht sie in eine gute oder in eine schlechte Richtung?

Posch: Die Önorm will ganz genau eine Form auswählen und sagen: Diese und keine andere ist erlaubt. Man kann doch sprachliche Kreativität nicht verbieten. Ich bin der Meinung, dass es gerade bei diesen Themen möglich sein muss, zu experimentieren, sich auch wieder neue Formen einfallen zu lassen. In dem offenen Brief steht auch, dass "feministische Anliegen maximal berücksichtigt werden". Das stimmt ja nicht. Weil eben genau manche Formen verboten werden sollen. Das feministische Anliegen ist, dass wir uns beim Schreiben überlegen sollen, wie wir sprachlich nicht diskriminieren können. Das Binnen-I ist dabei nur ein Angebot von vielen verschiedenen Möglichkeiten. Ich bin nicht der Meinung, dass eine Önorm vorschreiben sollte, wie wir zu gendern haben.

derStandard.at: Stichwort Formen. Es gibt auch Neutralformen, die nichts über das Geschlecht aussagen, zum Beispiel Studierende. Da wird argumentiert, dass "der Leser durch gekünsteltes Wortgut irritiert wird".

Posch: Das ist ein merkwürdiges Argument. Da wird einerseits so getan, als gebe es einen Unterschied zwischen gegenderten Wortformen und dem Inhalt eines Textes. Aber was ist denn dann der Inhalt, wenn nicht die Personen, um die es geht? Und andererseits wird "der Leser" für zu wenig intelligent gehalten, den Inhalt zu verstehen. Studierende ist doch als Form schon sehr lange geläufig, daran haben wir uns schon gewöhnt. Es gibt auch Neutralformen, die die Eigenschaft haben, Personen aus dem Text zu löschen. Zum Beispiel "das Rektorat", "das Ministerium". Da wird eine Institution und nicht mehr die Person genannt, die verantwortlich ist. Man muss sich deswegen von Text zu Text ganz genau überlegen: Was will ich sagen? Wen will ich erwähnen und wen nicht? Auch hier bin ich gegen eine strenge Vorschrift. Eine strenge Vorschrift würde die Schreibenden, die Sprechenden aus ihrer Verantwortung für das, was sie schreiben, entlassen.

derStandard.at: Ein Kritikpunkt in dem Brief ist, dass "geschlechtgetrennte Formulierung" die deutsche Sprache unleserlich und unverständlich mache. Ein Modell, wie es zum Beispiel die Uni Leipzig umsetzt, ist, Männer "wegzulassen". Was halten Sie davon?

Posch: Das ist eine Möglichkeit von vielen. Ich bin der Meinung, wir sollten nicht vorschreiben, welche dieser Möglichkeiten verwendet werden muss. Das wollen die feministischen Sprachveränderungen auch nicht. Sie wollen ein Angebot bieten, zum Nachdenken auffordern. Und wenn eine Institution dieses generische Femininum verwenden möchte, dann soll sie das ruhig ausprobieren. Das sind ja auch Versuche, die zeigen, was funktionieren könnte. Es geht nicht darum, hölzern zu verbieten, was verwendet werden darf und was nicht. Sondern darum, dass die Personen, die Texte schreiben, bewusst darüber nachdenken, wen sie ansprechen, wen sie wie erwähnen.

derStandard.at: Jetzt einmal ein Zitat aus dem offenen Brief: "Die Sprachfrequenzforschung belegt ganz im Gegensatz dazu überzeugend, dass der feminine Artikel 'die' in allen Arten von Texten um ein Vielfaches häufiger repräsentiert ist als der maskuline Artikel 'der'." Ist das als Zugeständnis an die sprachliche Gleichberechtigung zu sehen?

Posch: Überhaupt nicht. Der Artikel 'der, die, das' hat nicht automatisch etwas mit Gendern zu tun. Das schlägt ja auch kein Mensch vor, dass man jetzt 'die' Tisch sagt anstatt von 'der' Tisch. Bei dieser Aussage wird eine grammatikalische Kategorie, das Genus, damit verwechselt, was sie ausdrücken kann und wozu sie verwendet wird. Es geht beim Gendern ausschließlich darum, wie ich Personen bezeichne. Und es geht darum, Bewusstsein dafür zu schaffen.

derStandard.at: Das ist auch das Argument der Befürworterinnen und Befürworter geschlechtssensibler Sprache. Es heißt, bei der Verwendung des männlichen Plurals würden Frauen diskriminiert. Nun sind aber ein großer Teil jener, die unterzeichnet haben, Frauen. Fühlen sie sich als Raucher oder Ärzte so wohl?

Posch: Das würde man wohl die Unterzeichnerinnen fragen müssen.

derStandard.at: Sind sie aus Ihrer Sicht gefährlich für die Debatte?

Posch: Ich würde sagen, nein. Denn eine Debatte gibt es ja nur, wenn verschiedene Meinungen geäußert werden können. Aber das gilt eben auch für die Feministinnen. Die müssen auch ihre Meinung äußern können.

derStandard.at: Wenn also 85 bis 90 Prozent der Menschen neue Formen von Sprache ablehnen, wie in dem Brief steht – wieso lässt man es dann nicht gleich?

Posch: Man muss sie ja deswegen nicht verbieten. Man kann es den zehn bis 15 Prozent, die es wollen, doch lassen. Und woher die Zahlen stammen, ist mir auch unklar. Ich erlebe die Menschen meistens als sehr interessiert, und sie sind schockiert, wenn man ihnen erklärt warum das sogenannte generische Maskulinum diskriminierende Effekte hat.

derStandard.at: Im Brief ist von einer Handvoll "Feministinnen" die Rede. Gibt es da auch Männer, die das wollen?

Posch: Das mit der Handvoll stimmt nicht. Es gibt sehr viele Personen, die viel davon halten und die viel damit experimentieren. Und mir sind auch viele männliche Personen bekannt.

derStandard.at: Die steirische Landeshauptfrau Waltraud Klasnic legte darauf Wert, als "Frau Landeshauptmann" angesprochen zu werden. Was ist da der Hintergrund?

Posch: Hier muss man sich fragen: Wieso wollte sie das? Hat sie vielleicht das Gefühl gehabt, der Titel "Landeshauptfrau" ist weniger wert als "Landeshauptmann"? Oder würde nicht dasselbe aussagen? Das wäre an sich schon ein Sexismus und würde zeigen, dass Frauen oft selbst glauben, weniger wert zu sein. Da werden dann historische Gründe genannt. Wie beispielsweise, dass man es nicht verändern darf, weil es historisch so gewachsen ist. Aber es ist doch gut, dass sexistische, rassistische, antisemitische Begriffe kritisiert und nicht mehr verwendet werden dürfen. Viel in der Sprache ist historisch gewachsen, und man muss es trotzdem ändern, weil sich auch die Welt ändert.

derStandard.at: Wie ist das in anderen Sprachen? Ist im Englischen das Problem gelöst?

Posch: Im Englischen gab es das Problem mit den Pronomen. Man sagt auf Englisch "he" oder "she", oder es geht auch "they". Das war keine spektakuläre Erfindung der Feministinnen, sondern das wurde aus einem Dialekt übernommen. Für das Englische gab es natürlich auch eine Debatte und eine Diskussion. Im Schwedischen wurde vor ein paar Jahren beschlossen, einfach ein geschlechtsloses Pronomen zu erfinden. Das findet man in Schweden inzwischen häufig in den Medien. (Lisa Breit, derStandard.at, 16.7.2014)

Claudia Posch (36) ist seit 2006 am Institut für Sprachen und Literaturen, Bereich Sprachwissenschaft der Universität Innsbruck tätig. Dort liegen ihre Forschungsschwerpunkte auf feministischer Linguistik und politischer Rhetorik. Posch ist Gründungsmitglied der Forschungsgruppe Genderqueerlinguistik an der Uni Innsbruck.

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  • Sprachwissenschaftlerin Claudia Posch über die Binnen-I-Debatte: "Wir verwenden ja auch den 'EuroCity' oder das 'iPhone'."
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    Sprachwissenschaftlerin Claudia Posch über die Binnen-I-Debatte: "Wir verwenden ja auch den 'EuroCity' oder das 'iPhone'."

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