Anbau von Rauschmitteln in Europa auf Balkonen und in Kästen blüht

16. Juli 2014, 22:17
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Beamte in EU-Staaten haben 2012 sieben Millionen Pflanzen vernichtet, dreimal mehr als 2007

Paris/Lissabon/Wien – Sie wachsen auf dem freien Feld, aber auch in Vorgärten, auf Balkonen und sogar im Kleiderkasten – in Europa boomt der Anbau von Cannabis-Pflanzen. Nicht nur Privatleute bauen das Hanf zum persönlichen Konsum an, sondern auch kriminelle Banden, die auf Profite aus sind.

"Cannabis ist auf dem europäischen Drogenmarkt gemeinhin in zwei Formen anzutreffen: Cannabiskraut ('Marihuana') und Cannabisharz ('Haschisch'). Der Jahreskonsum dieser Produkte kann grob mit 2000 Tonnen beziffert werden.

Das in Europa konsumierte Cannabiskraut wird im Inland angebaut oder aus Nachbarländern eingeschmuggelt", hieß es vor kurzem im Jahresbericht der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) in Lissabon.

Im Inland produziertes Cannabiskraut "in"

Cannabisharz gelangt größtenteils auf dem See- oder Luftweg aus Marokko nach Europa. Anders ist das beim Cannabiskraut. Die europäischen Drogenexperten: "Bei der Anzahl der Sicherstellungen hat Cannabiskraut in den vergangenen zehn Jahren Cannabisharz überholt und macht nunmehr fast zwei Drittel aller Cannabis-Sicherstellungen aus.

Dies ist auf die zunehmende Verfügbarkeit von im Inland produziertem Cannabiskraut in zahlreichen Ländern zurückzuführen." Allerdings überwiege bei den Beschlagnahmungen noch weiterhin das Cannabisharz.

Regelrechte Profi-Plantagen

Die EBDD berichtete, dass die Polizei in den EU-Staaten im Jahre 2012 sieben Millionen Cannabis-Pflanzen vernichtet hätte. Diese Zahl habe sich binnen fünf Jahren verdreifacht, die Tendenz sei weiter steigend.

Die Ursachen sind klar: Der Schmuggel von Cannabis ist riskant, die "Staude von nebenan" wächst oft unauffällig. "Heimgebrauch" mit "Bio-Anstrich" und regelrechte Profi-Plantagen ergänzen einander.

Besonders gut blüht das Geschäft mit dem illegalen Anbau in Großbritannien, den Niederlanden, Polen und in Belgien. Im belgisch-französischen Grenzgebiet wurden erst Mitte Juni bei einer Großrazzia gleich acht Plantagen mit insgesamt 4000 Cannabis-Pflanzen im Wert von rund 600.000 Euro zerstört.

141.000 Pflanzen in Frankreich sichergestellt

Französische Fahnder spürten im vergangenen Jahr rund 141.000 Cannabis-Pflanzen an rund 50 Standorten auf – fast drei Mal so viel wie im Jahr 2010. 2013 wurden in Deutschland 17.500 der Pflanzen sichergestellt.

Indoor-Plantagen seien derzeit überall in Europa im Kommen, betonte Laurent Laniel von der EU-Beobachtungsstelle in Lissabon. Erleichtert wird das den Experten zufolge durch das Internet, wo jeder problemlos Samen und Spezialleuchten bestellen kann.

Indoor-Ernten sechs Mal jährlich möglich

Außerdem ist der Indoor-Anbau besonders lukrativ: Cannabis-Pflanzen in geschlossenen Räumen können vier bis sechs Mal im Jahr geerntet werden, im Freien sind nur eine oder zwei Ernten jährlich möglich.

Das neue Angebot entspricht einer neuen Nachfrage: Immer mehr Konsumenten ziehen das Kraut dem vor allem aus Marokko eingeschmuggelten Haschisch vor. Dazu habe nicht zuletzt der "Mythos vom angeblichen Bio-Produkt" beigetragen, erläuterte Michel Gandilhon, Forscher bei der französischen Drogenbeobachtungsstelle (OFDT). Die EBDD hatte schon vor Jahren vor diesem Trend gewarnt.

Panikmache für Österreich fehl am Platz

Die österreichische Bevölkerung hat zwar im Querschnitt immer mehr Cannabis-Erfahrung, doch Panikmache ist fehl am Platz. Zum größten Teil handelt es sich dabei aber um Probier-Konsum, der auch wieder beendet wird, erklärte Anfang des Jahres der Wiener Beauftragte für Sucht- und Drogenfragen, Hans Haltmayer, gegenüber der APA.

"Wir sehen einen Anstieg in der Lebenszeitprävalenz von Cannabis-Konsum. 2011 gaben in Wien beispielsweise 21 Prozent der über 15-Jährigen an, zumindest einmal in ihrem Leben Cannabis konsumiert zu haben, 2013 waren es 24 Prozent. Doch wenn man sich das genauer ansieht, dann liegt bei den meisten dieser Personen der Konsum schon drei oder mehr Jahre zurück", sagte der Arzt.

Heranwachsende würden Cannabis ausprobieren – und dann zumeist wieder damit aufhören. Nur bei einem kleinen Teil der Konsumenten komme es zu einem problematischen Konsum bzw. zur Abhängigkeit. Oft bliebe es dann aber nicht bei Cannabis. (APA, 16.7.2014)

  • Besonders gut blüht das Geschäft mit dem illegalen Anbau in Großbritannien, den Niederlanden, Polen und in Belgien.
    foto: reuters/mcnew

    Besonders gut blüht das Geschäft mit dem illegalen Anbau in Großbritannien, den Niederlanden, Polen und in Belgien.

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