Prozess in Wien: Phishing, Geldwäsche und Berner Würstel

17. Juli 2014, 05:30
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Ein 45-Jähriger wurde in der Bank festgenommen, als er mittels "Phishing" erbeutetes Geld abheben wollte. Die Hintermänner bleiben unbekannt

Wien - Richterin Nicole Baczak ist eine neugierige Frau. Und erkundigt sich im Prozess gegen Jänis D. über Tätowierungen ebenso wie über Computertechnik. Der Hintergrund: Der 45-Jährige soll ein "Läufer" sein, der für eine kriminelle Organisation das mittels "Phishing" erbeutete Geld bei der Bank abheben und transferieren sollte.

Staatsanwalt Hans-Peter Kronawetter wirft ihm Geldwäsche vor, zum Drüberstreuen sind auch zwei Diebstähle angeklagt: eine Packung Berner Würstel im Wert von 5,99 Euro und ein Rasierer um 17,86 Euro.

D. bekennt sich schuldig und erzählt, wie er in die Sache hineingeraten ist. Der gebürtige Lette arbeitete in London als Hilfsarbeiter auf Baustellen, als er über Bekannte von einer angeblichen Jobmöglichkeit in Österreich hörte.

500 Euro für das Flugticket

"Auf der Baustelle wurde dann aber niemand gebraucht", schildert er. "Dann sollte ich das Konto eröffnen und später Geld abheben. Dafür wurden mir 500 Euro geboten, damit hätte ich mir das Flugticket nach England leisten können."

Es gab mehrere wie ihn, einquartiert wurde man in Pensionen, fünf Euro Taschengeld gab es pro Tag. "Wer sind diese Leute, die Sie angeworben haben?", fragt die Richterin. "Russen. Zumindest haben sie akzentfreies Russisch gesprochen."

Zweimal sollte er insgesamt 7.000 Euro via Western Union überweisen, schließlich 8.000 Euro von seinem Konto abheben und an einen vor der Bank wartenden Mann übergeben.

25 bis 30 Prozent der Summe bekomme man als Abheber ausbezahlt, habe man ihm gesagt. "Warum machen Sie es dann für 500 Euro?", mischt sich Ankläger Kronawetter ein. "Weil ich ja gleich weg nach London wollte", lautet die Antwort.

Angst vor den Hintermännern

"Und das Geld für Western Union haben Sie ja in bar bekommen. Das verstehe ich nicht. Da ist ja die Gefahr groß, dass Sie weg sind", bohrt Kronawetter nach. "Da hätte ich Probleme gehabt. Da könnten die mich ja umbringen."

"Was haben Sie denn da für eine Tätowierung?", interessiert sich Richterin Baczak plötzlich für die Verzierung an seinem Hals. Die habe er sich vor 20 Jahren bei seiner bisher einzigen Vorstrafe in Lettland im Gefängnis machen lassen.

"Und, gehören Sie dann zu einer Gruppe?" - "Nein. Ich gehöre nicht zur Mafia", beteuert der Angeklagte.

Vom Filialleiter der Bank, in der D. beim Abhebeversuch an einem Montag festgenommen wurde, will Baczak wissen, woher man eigentlich wusste, dass etwas Illegales im Gang war. "Haben Sie da eigene Überwachungsprogramme?" Die Erklärung ist simpler: "Nein. Die Überweisung war am Freitag von der Geschädigten schon gesperrt worden."

Einen Einblick, wie rasch man im Internet sein Geld verlieren kann, gibt dann noch das Opfer. Die Frau hat mit ihrem Mann in Oberösterreich eine Schlosserei.

Auf Paket gewartet

"Wir haben auf ein Paket aus Deutschland gewartet. Dann kam eine in schlechtem Deutsch verfasste Mail von DHL, dass es ein Problem gibt, und ein Link zum angeblichen Versandschein."

Sie klickte diesen an, der Computer spuckte sofort eine Warnmeldung aus - offenbar zu spät. "Wir haben dann gemerkt, dass der Computer immer langsamer geworden ist." Dummerweise schickte sie auch ihre Handynummer an die Betrüger - einige Zeit später war das Geld weg.

Bei einer Strafdrohung bis zu drei Jahren verurteilt Baczak D. schließlich rechtskräftig zu 15 Monaten Haft, fünf davon unbedingt. "Sie sind zwar der Unterste in der Hierarchie, was man ja daran erkennt, dass Sie Würstel gestohlen haben", begründet die Richterin. "Aber aus generalpräventiven Gründen ist da trotz vieler Milderungsgründe eine deutliche Strafe nötig." (Michael Möseneder, derStandard.at, 16.7.2014)

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