China stabilisiert erneut sein Wachstum

16. Juli 2014, 17:31
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Chinas abbröckelndes Wirtschaftswachstum hat sich erneut auf einen Richtwert von 7,5 Prozent Zuwachs stabilisieren können

Der Abwärtsdruck, unter dem China steht, seit es sich von seiner nicht mehr aufrechtzuerhaltenden Boomphase mit zweistelligen Wachstumsraten verabschiedete, schwächt sich ab. Er bedroht aber weiterhin vor allem Provinzen mit traditioneller Industriestruktur, die Opfer der Umstrukturierung werden. Das besagen die weltweit mit Spannung erwarteten neuen Wachstumszahlen für das erste Halbjahr 2014, die das staatliche Statistische Amt am Mittwoch vorlegte.

Nachdem im ersten Quartal das Wachstum mit 7,4 Prozent Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) einen neuen Tiefstand erreichte, verbesserte sich das zweite Quartal auf 7,5 Prozent. China befinde sich wieder auf einem "moderaten stabilen Wachstumskurs". Mehrere Indikatoren seien dafür verantwortlich: Für die allgemeine Wirtschaftsentwicklung spielten beispielsweise das Wachstum des Dienstleistungssektors und der Binnennachfrage eine immer wichtigere Rolle.

Gute Beschäftigung

Im ersten Halbjahr 2014 trugen Dienstleistungen mit 46,6 Prozent mehr zum gesamten BIP bei als die Industrie. In der Wirtschaft fassten moderne Hightech-Industrien Fuß, die 2014 um 12,4 Prozent zulegten, deutlich schneller als die um 8,8 Prozent wachsende Industrieproduktion. Hinzu kommt die Ausbreitung von Online-Business- und Online-Konsum-Geschäftsmodellen, die im ersten Halbjahr um 48,3 Prozent zulegten. Sie gelten als die "neuen Motoren" für nachhaltiges Wachstum.

Zudem gebe es eine gute Beschäftigungslage. Im ersten Halbjahr konnten fast 7,4 Mio. reguläre Arbeitsplätze neu geschaffen werden. Die Zahl ländlicher Zuwanderer, die Arbeit in den Städten fanden, erhöhte sich um 1,8 Prozent auf 174 Mio. Für Stabilität sorgten auch eine gute Sommerernte, gestiegene städtische und bäuerliche Einkommen und eine Teuerungsrate, die mit 2,3 Prozent im Rahmen blieb.

Probleme in der Provinz

Jüngst wurden acht Pekinger Inspektionsgruppen in 16 Provinzen entsandt, um sich ein realistisches Bild zu verschaffen. Die Inspektoren einer Gruppe, die zwischen 25. Juni und 5. Juli vier Provinzen im Norden und Nordosten des Landes bereisten, berichteten anschließend Chinas Premier von den Problemen der 100-Millionen-Einwohner-Provinz Hebei, in der auch der Stadtstaat Peking liegt.

Die Provinz Hebei, deren Schwerindustrien den Smog über Peking mitverursachen, hat mit dem Abbau und der Modernisierung ihrer Zement-, Stahl- und Glasindustrien begonnen. Daraufhin halbierte sich im ersten Quartal ihr Wirtschaftswachstum auf 4,2 Prozent, der tiefste Wert seit 20 Jahren. Noch dramatischer büßte Nordostchinas Provinz Heilongjiang an Wachstum ein.

Premier Li verkündete mehrfach, keine neuen staatlichen Anreizprogramme zur Konjunkturbelebung zu finanzieren. Er wolle aber mit "gezielten" Maßnahmen und wirtschaftlichen Hebeln der Feinsteuerung, mit mehr Marktreformen und Entbürokratisierung die Wirtschaft stimulieren helfen.

Binnennachfrage boomt

Größter Wachstumsantrieb ist heute die Binnennachfrage. Der Konsum steuert 54,4 Prozent zum BIP-Wachstum im Halbjahr 2014 bei. Bau- und Anlageninvestitionen brachten es auf 48,5 Prozent. Der Außenhandel schlug mit minus 2,9 Prozent Anteil zu Buche, einem Abzug von 0,2 Punkten. Nach China flossen im ersten Halbjahr 63,3 Milliarden Dollar an Auslandskapital, während Chinesen im Ausland 43,3 Milliarden Dollar  anlegten.

Allmählich entweicht auch die Luft aus der Immobilienblase. Das Wachstum der Bau-und Immobilieninvestitionen verlangsamte sich 2014 zulasten der Schwerindustrien, deren Absatz von Stahl, Zement und Glas einbrach. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, 17.7.2014)

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