Finnlands Sündenbock Steve Jobs

16. Juli 2014, 05:30
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Finnland hat bis heute den Untergang Nokias nicht richtig verdaut. Nun drohen weitere Stellenkürzungen

Finnland galt zu Beginn der Eurokrise als Streber. Das Wirtschaftswachstum lag 2010 und 2011 deutlich über dem europäischen Durchschnitt und auch die Staatsschulden hatte man im Griff. Die gute Performance der Skandinavier wurde gerne auf die Investitionen im Bildungssektor zurückgeführt.

Doch die aktuelle Rezession im Land lässt Zweifel an dieser Theorie aufkommen. Finnlands Wirtschaft soll dieses Jahr zum dritten Mal in Folge schrumpfen, um 0,5 Prozent. Auch die öffentliche Verschuldung ist so hoch wie zuletzt während der finnischen Wirtschaftskrise Anfang der 1990er. Der wirtschaftliche Erfolg des Landes hängt an seinen beiden Kernindustrien, der Elektro- und der Papierindustrie, und diesen geht es aktuell gar nicht gut. Mit dem Kauf des Kerngeschäfts des angeschlagenen Handyunternehmers Nokia durch Microsoft wurde das Ende einer Ära besiegelt.

Finnland kontrollierte Weltmarkt

Der einstige Vorzeigekonzern Nokia war ausschlaggebend für die Erholung nach der Krise in den 1990ern. Um die Jahrtausendwende lag der Anteil des Unternehmens am finnischen BIP bei vier Prozent. Jeder hundertste finnische Arbeitnehmer war bei Nokia beschäftigt. Die Skandinavier wurden zum Weltführer im ICT-Sektor (Informations- und Kommunikationstechnologie).

Doch dann wurde Nokia von iPhone, Android und Co abgehängt. 2008 kontrollierte der Handyhersteller mit seinem Betriebssystem noch mehr als die Hälfte des Weltmarktes, 2012 waren es weniger als fünf Prozent. Zeitgleich mit dem Niedergang des Unternehmens sank die Industrieproduktion des Landes. Auch die Exporte gingen zurück und die Arbeitslosigkeit stieg an.

Der finnische Premier Alexander Stubb hat kürzlich in einem Interview mit einer schwedischen Wirtschaftszeitung bekannt: "Ja, Steve Jobs hat unsere Arbeitsplätze weggenommen." Das iPhone habe Nokia den entscheidenden Schlag versetzt, das iPad der Papierindustrie.

Stellenabbau bei Nokia

Nun droht ein weiterer Schlag: Microsoft soll einen größeren Stellenabbau bei Nokia planen. Die Einsparung sollen laut Bloomberg jene von 2009 noch übertreffen. Damals wurden 5800 Arbeitsplätze bei Nokia weltweit gestrichen. Insgesamt übernahm Microsoft 32.000 Angestellte von Nokia, 4700 davon in Finnland.

Sorgen bereitet den finnischen Unternehmen derzeit auch der Konflikt der EU mit Russland. Finnlands Wirtschaft ist eng mit jener Russlands verknüpft, vor allem im Tourismus. Sollte die Union als Folge der Kämpfe in der Ukraine härtere Sanktionen gegen Moskau verhängen, dürfte dies Finnland stärker treffen als die meisten anderen EU-Staaten, heißt es in einer Studie der Wirtschaftsforscher von Capital Economics in London.

Die finnische Regierung reagierte mit Sparpaketen auf die Krise. Die Finnen sehen sich mit Einsparungen bei Pensionen, Universitäten und Kinderbetreuung konfrontiert. Doch es gibt auch einen Hoffnungsschimmer: Der finnische ICT-Sektor hat sich von Nokia emanzipiert. Vor allem die Computerspieleindustrie wächst. Der Umsatz in der Branche hat sich seit 2008 auf rund 900 Millionen Euro verzehnfacht. (Sonja Spitzer, DER STANDARD, 16.7.2014)

  • Es drohen weitere Einsparungen bei Nokia.
    foto: dado ruvic

    Es drohen weitere Einsparungen bei Nokia.

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