Dank Fußball: Briten entdecken Sympathien für Deutschland

15. Juli 2014, 17:49
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Der Abbau von Ressentiments bedeutet nicht das Ende der Klischees

Man darf das ja kaum laut sagen, findet Stewart Wood. Aber beim Lesen von Zeitungen, in sozialen Netzwerken und Blogs kam das Mitglied des britischen Oberhauses in den vergangenen Tagen immer auf den gleichen Gedanken: "Ich kann das gar nicht glauben, aber diesmal unterstütze ich Deutschland!" Dabei sei das doch das Normalste der Welt, glaubt Wood: "Wer Deutschland bei der WM siegen sehen wollte, unterstützte eben die beste Mannschaft des Turniers."

Dem Schulterschluss mit dem mächtigen Nachbarn auf dem Kontinent mochte sich nicht einmal der bekannte Polemiker Rod Liddle entziehen. In der "Sunday Times" räsonierte der Konservative vor dem Endspiel in Rio weitschweifig über die Frage, "welchen früheren Feind" er denn unterstützen solle. Am Ende siegte die Erinnerung an den Falklandkrieg von 1982 gegen Argentinien über das Wissen um ältere Auseinandersetzungen mit Deutschland. Nur für einen Tag sollte für Liddle gelten: "Ich bin ein Berliner."

Am Anfang war das Sommermärchen

Dem Klischee vom Erzfeind war Europas wirtschaftsstärkste Nation spätestens seit der WM 2006 entronnen, als die englischen Fans von ihren entspannten deutschen Gastgebern zu schwärmen begannen. Die Spielkunst von Müller, Schweinsteiger und Kollegen hatte das Ihrige dazu getan, und schließlich verdienen mit Mesut Özil (Arsenal) und André Schürrle (Chelsea) zwei der Besten im deutschen Team ihr Geld auf der Insel. Neuerdings könne "Deutschland gewinnen und dafür im In- und Ausland bewundert werden", analysiert Sunder Katwala vom Londoner Thinktank British Future.

Natürlich durften auch diesmal die Klischees von den Deutschen als "effizient, klinisch und erbarmungslos" (TV-Sender Sky) nicht fehlen. Bisher habe man über Deutsche geredet "wie über einen Mercedes oder einen Geschirrspüler von Miele", sagt Stewart Wood. Dabei sei es längst an der Zeit, einmal tief Luft zu holen und zu sagen, dass es total in Ordnung sei, die Deutschen zu mögen - "und sogar von ihnen zu lernen".

Erfolgreiche Erneuerung als Vorbild

Das sagt der Büroleiter von Labour-Oppositionsführer Edward Miliband natürlich nicht ohne Hintergedanken. Erst kürzlich veröffentlichte die Partei eine Studie, in der die deutsche Ingenieur- und Facharbeiterausbildung als Vorbild für Großbritannien gelobt wurde. Sportkommentatoren werden nicht müde, auf die systematische Erneuerung des deutschen Fußballs hinzuweisen. Das schönste Anschauungsmaterial liefert die Elf, die 2009 die U21-EM für sich entschied. Der mit 4:0 im Finale geschlagene Gegner von Neuer, Khedira, Hummels und Özil war damals England. (Sebastian Borger, DER STANDARD, 16.7.2014)

  • Herrlich, so ein Volkswagen! Findet auch Prinz Andrew ...
    foto: apa/epa/gerühollemann

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