Deutschlands Führungsrolle

Kolumne15. Juli 2014, 17:41
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Nicht nur im Fußball ist ein (politischer) Wille spürbar

Sogar "das Sympathisch-Sein haben die Deutschen geplant", schreibt die Süddeutsche unter dem Titel "Weltmeister der Planung". Auf den Weltmeister-T-Shirts stand zum Beispiel hinten eine Dankesbotschaft auf Portugiesisch.

Soweit man die Berichterstattung überblicken kann, gab es bei den Weltmeistern nicht die "historischen" deutschen Nationaleigenschaften wie Großkotzigkeit, Arroganz und Verachtung für andere, sondern "deutsche Tugenden" (Jogi Löw) wie Kampfgeist, Disziplin, umsichtige Planung - und eben die "neue deutsche Tugend": ein entspanntes, zivilisiertes Auftreten.

Man soll nicht zu viel in eine Fußballmannschaft und die dahinterstehende Organisation interpretieren. Aber nicht nur im Fußball ist ein (politischer) Wille spürbar: Deutschland will nicht nur selbst erfolgreich sein, es will - in Europa vor allem - die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Grundlagen seines Erfolges zum möglichst gemeinsamen Maßstab machen. Aber nicht, wie in unseligen Zeiten vor 100 und dann vor 75 Jahren (Beginn des Ersten und Zweiten Weltkriegs), um die anderen zu kujonieren und zu unterwerfen, sondern um einen gemeinsamen Erfolg zu erzielen. In einer langen Entwicklung hat es Deutschland geschafft, die Lehren aus seiner Vergangenheit zu ziehen. Einerseits auf seine Stärken zu bauen, andererseits sich zu disziplinieren und die Interessen anderer zu bedenken.

Kein Zweifel, Deutschland unter Angela Merkel hat spätestens seit der Finanzkrise 2008 die Führung in Europa übernommen. Es war Merkel, die sich zusammen mit dem sozialdemokratischen Finanzminister Peer Steinbrück auf dem Höhepunkt der Krise hingestellt und eine Garantie aller (deutschen) Spareinlagen verkündete. Damit wurde ein gesamteuropäischer Bankenrun, ein Zusammenbruch des Euro und wohl auch der EU verhindert. Das Wichtigste daran war das Prinzip der Mäßigung und der Zusammenarbeit. In Frankreich und Großbritannien versucht man es mit untauglichen einseitigen Modellen, entweder staatsinterventionistisch oder feudalkapitalistisch.

Als Österreicher hatte man lange ein wenig entspanntes Verhältnis zu Deutschland. Viele wollten den Anschluss oder eine ganz enge Bindung (auch noch längere Zeit nach 1945), etliche reagierten mit übertriebener Abwehr. Heute ist Österreich ein erfolgreicher europäischer Staat (mit mittelfristig bedrohlichen Defekten). Das Verhältnis zu Deutschland ist eng, aber weder wirtschaftlich noch außenpolitisch ungesund eng. Die Einbettung in die EU hilft, dass es so bleibt.

Merkels Deutschland hat die EU durch die Eurokrise getragen; es ist Merkel, die mit Putin spricht, wenn sich Russland zum europäischen Störenfried entwickelt. Deutschlands Führungsrolle ist eindeutig, wird aber im Großen und Ganzen angemessen gehandhabt.

Es muss nicht so bleiben. Die alten deutschen Untugenden der Präpotenz und des Machtrauschs können in einer anderen politischen Situation wieder zutage treten. Vorläufig aber hat Deutschland Vertrauen verdient wie noch nie in seiner Geschichte. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 16.7.2014)

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