Cameron bildet Regierung um: Partei vor Staat

Kommentar15. Juli 2014, 17:50
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Der britische Premier hat seinen Vorsatz, mit einer absurden Tradition zu brechen, nun doch gebrochen

Bei seinem Amtsantritt vor mehr als vier Jahren schwor David Cameron, er werde mit einer absurden Tradition britischer Politik brechen. Bis dahin galt es als üblich, dass der Premierminister seine Regierung mindestens einmal im Jahr umbildete. Dies diente der Belohnung loyaler Parteifreunde und der Disziplinierung allzu unabhängiger Geister. Fachkompetenz zählte wenig. Die dadurch hervorgerufene Kurzatmigkeit ist schlecht für die Politik und schlecht für das Land.

Bis Montag hielt sich der Konservative an den guten Vorsatz. Nun hat er die Effizienz der Regierungsarbeit der Wahltaktik geopfert. Die Tories gelten eigenen Umfragen zufolge als zu weiß, zu reich, zu männlich. Um bei der Wahl 2015 die ungeliebte Koalition mit den Liberaldemokraten hinter sich lassen zu können, muss die Partei vor allem bei Frauen und ethnischen Minderheiten Stimmen holen.

Schon im Frühjahr berief Cameron deshalb den erklärten Kulturbanausen Sajid Jawid ausgerechnet ins Kulturressort: Das Einwandererkind hatte sich aus einfachsten Verhältnissen zum Bankier und Millionär hochgearbeitet. Jetzt ließ der Premier eine Reihe weißer Mittfünfziger über die Klinge springen und holte weitgehend unerfahrene Frauen und Politiker mit starken regionalen Wurzeln in die Regierung. Das sieht besser aus. Vielleicht verbessert es auch wirklich, wie erhofft, die Wahlchancen der Konservativen. Gut für Großbritannien ist es nicht. (Sebastian Borger, DER STANDARD, 16.7.2014)

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