Zwischen Legende und Wirklichkeit

15. Juli 2014, 17:28
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"Ich war kein Wunder": Karl Löbls posthum erschienene Karajan-Biografie

Wien - An seinem Buch über Herbert von Karajan schrieb Karl Löbl tatsächlich bis an den Rand seines Lebens, die Arbeit daran hielt ihn davon ab, seinem Krebs zu viel Beachtung zu schenken. Erschienen ist die Biografie allerdings erst nach Löbls Tod im Jänner dieses Jahres.

Es ist, vorweg gesagt, ein aufschlussreiches und ungeschöntes Porträt eines rastlosen Musikvisionärs, dessen Todestag sich heute, Mittwoch, zum 25. Mal jährt. Er galt als "Inkarnation künstlerischer Allmacht" (Löbl), der Musikgeschichte schrieb, Urenkel eines zum Ritter nobilitierten Universitätsprofessors, der sein Image gern mit schönen Frauen, illustren Freunden und neureichen Insignien wie eigenen Flugzeugen und Sportautos pflegte. Ein zwischen musikalischen Hotspots jettendes (Selbst-)Vermarktungsgenie, das die Plattenaufnahmen perfektionierte, die Salzburger Festspiele umkrempelte, die Karajan - teils gleichzeitig mit den Osterfestspielen der Berliner und der Wiener Oper - leitete. Salzburg unter Karajan, das war täglicher internationaler Opernball: Geld! Macht! Schönheit! Kunst! Elite!

"Ich war kein Wunder!" nennt Löbl, der mit Karajan zahllose Zeitungs- und Fernsehinterviews geführt hatte, seine kurzweiligen, sachverständigen, mitunter allerdings ein bisschen sehr nachsichtigen Betrachtungen. Vor allem Karajans Nazi-Mitgliedschaft sieht Löbl nicht als ernstzunehmendes politisches Statement, sondern als lässliche Torheit eines Karrieristen: "Er war kein Nazi", überschreibt er denn auch das Kapitel, in dem er sich Karajans zwei NSDAP-Mitgliedschaften widmet. Der Musiker hatte 1935 den Beitritt zur Partei in Aachen beantragt, weil dort seine Berufung zum Generalmusikdirektor bevorstand. Löbl, der für seine gnadenlose Unbestechlichkeit gerühmte Kritiker und Sohn eines jüdischen Vaters schlussfolgert überraschend milde: "Ich bin sicher: Jeder andere junge Musiker hätte, ohne zu zögern, unterschrieben."

Dass Karajan offenbar "vergaß", dass er der NSDAP schon 1933 beigetreten war, als er in Ulm als Opernkapellmeister werkte - und zwar in Salzburg, wo die Partei verboten, er also ein "Illegaler" war -, nimmt Löbl als "starken Beweis dafür, dass Karajan kein Nazi war. Er hätte mit dem Salzburger Beitritt argumentieren und sich in Aachen eine zweite Unterschrift ersparen können. Ein strammer Nazi hätte sowohl in Ulm als auch in Aachen mit seiner Gesinnung geprahlt. Aber solch eine Gesinnung war ihm fremd." Diese Exkulpierung Karajans mag wohl mit dem großen Respekt zusammenhängen, den Löbl für die beachtliche künstlerische Hinterlassenschaft (mehr als 800 Aufnahmen) des "Generalmusikdirektors von Europa" (Löbl) hegte.

Karajan war einer der Ersten, der die Bildmacht des Fernsehens erkannte - und nutzte, auch gegen den Willen der Sänger. So verließ der Tenor Franco Bonisolli, erbost über das TV-Licht, die Bühne.

Und, ja, alle aktuell in den Burg-Skandal verwickelten Personen können bei Löbl nachlesen: Schon damals hatten die Bundestheater ihre kleineren und größeren Skandale und Querelen, offene Honorarforderungen, Politstreitigkeiten um (Un-)Vereinbarkeiten. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 16.7.2014)

Karl Löbl: "Ich war kein Wunder", Seifert-Verlag, 19,90 Euro

  • Herbert von Karajan (1908-1989): Musikwunderkind und Vermarktungsgenie, Perfektionist und Lebemann.
    foto: apa

    Herbert von Karajan (1908-1989): Musikwunderkind und Vermarktungsgenie, Perfektionist und Lebemann.

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