Morrissey: Kämpfen ist gut, aber nicht mit Stieren

15. Juli 2014, 17:00
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Der britische Sänger und Provokationskünstler veröffentlicht mit "World Peace Is None Of Your Business" ein Album voller alter Stärken: leichtfüßiger, latent größenwahnsinniger Pop voller Gift und Galle

Wien - Wissenschafter haben unlängst herausgefunden, dass der Gesang gut für den Menschen ist. Singen macht nicht nur gescheit, es hält auch gesund - und es steigert obendrein die Lebensfreude. Man kann noch dazu davon ausgehen, dass Menschen, die singen, danach tendenziell erleichtert sind und nicht mehr so leicht ganz ohne Grund auf andere Menschen einschlagen.

Abgesehen von den Kriegstänzen der Maori, norwegischem Black Metal, dem Zillertaler Hochzeitsmarsch oder einer Best-of-CD von DJ Bobo will Musik also grundsätzlich Gutes tun. Der britische Sänger Morrissey bildet mit seinem Schaffen vielleicht insofern eine singuläre Kunst, als er mehrere scheinbar unvereinbare Aspekte von Musikproduktion miteinander unter den Hut von beschwingten Popsongs bringt.

Das Angebot für den Konsumenten ist reich sortimentiert: Zwischen Einschüchterung des Feindes, Händepaschen und Mitsingen, zwischen hoher und niederer Minne, Menschenhass, Weltekel, fatalistischem Amüsement, guter Laune in schlechter Gegend, aufrührerischer Grundgestimmtheit und blankem Zynismus ist alles möglich.

Der 55-jährige Mann aus Manchester genießt die Rolle des arroganten Griesgrams ausführlich. Nach im Rückblick betrachtet beinahe milder Abscheu gegenüber der Welt mit der einst weltbesten und klügsten Band von allen, dem zwischen 1982 und 1987 bestehenden Quartett The Smiths, und epochalen Gitarrenpop-Alben wie Meat Is Murder oder The Queen Is Dead ist spätestens seit 1988 solo ein Motto ausgerufen: "Viva Hate!"

Seit dem wohl lebenslangen Zerwürfnis mit dem noch immer junge Britpop-Buben stilistisch beeinflussenden Smiths-Gitarristen Johnny Marr steht bei Morrissey im Gegensatz zur früheren Leichtigkeit und Verspieltheit gern zünftige Hausmannskost auf dem Programm. Und obwohl Morrissey auf der Suche nach einem Gegner gern die Brust rausstreckt und das Kinn vorreckt, bekommt ihm das breitbeinige Rocken leider nicht immer. Nach diversen mauen Soloarbeiten, Jahren ohne Plattenvertrag und heftigen Kontroversen um ihm unterstellten Rassismus, etwaigen Sympathien für die britische National Front und immer wieder atemberaubend-verpeilten Statements des Künstlers zum Thema Ernährung und was er von Menschen hält, die Tiere essen, befindet sich Morrissey als strenger Vegetarier spätestens seit 2004 wieder in alter Form.

Die Weltlage ist ernst

Mit dem Album Morrissey ... You Are The Quarry und herrlich maßloser Übertreibungskunst wie jener im Song I Have Forgiven Jesus stellte er damals seinen Ruf als zart-besaitetes wie latent größenwahnsinniges Lästermaul wieder vollinhaltlich her. Ringleader Of The Tormentors und Years Of Refusal blieben zuletzt zwar leicht unter den (kommerziellen) Erwartungen. In der Folge hatte Morrissey auch lange mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen und stand wieder einmal ohne Plattenvertrag da. Nach seiner 2013 zum Bestseller avancierten 600-seitigen Autobiography sollte allerdings mit der neuen CD World Peace Is None Of Your Business wieder dem Gesang breiterer Raum gegönnt sein.

Die neuen Songs wurden in Frankreich mit Morrisseys langjähriger Begleitband eingespielt. Produziert hat Joe Chiccarelli, der für The White Stripes oder U2, aber auch Ricky Martin oder Elton John gearbeitet hat. Nach obligaten Geißelungen der Zustände daheim in England nimmt sich Morrissey im Titelsong dieses Mal generell der Weltlage an: "Brazil and Bahrain, Egypt, Ukraine, so many people in pain." In Neal Cassady Drops Dead blödelt er sich durch die Geschichte der Beatniks. The Bullfighter Dies schlägt sich grimmig auf die Seite der Rindviecher. Kiss Me A Lot stellt so etwas Ähnliches wie ein Liebeslied dar. Im Zentrum des Albums steht allerdings das siebenminütige I'm Not A Man. Hier räumt Morrissey mit den Vorstellungen von (heterosexueller) Männlichkeit gründlich und wortgewaltig auf.

Dazu jubilieren an manchen Stellen des Albums Flamenco-Gitarren und verbreiten auch französelnde Quetschkommoden bedrückende Urlaubsgefühle. Stichwort: Earth Is The Loneliest Planet. Der dazugehörige Videoclip kommt als Album-Teaser auf Youtube ganz ohne Musik aus. Morrissey rezitiert den Text aus dem Off. An seiner Seite sieht man Freundin und Peta-Kollegin Pamela Anderson wehmütig über die Einöden von Los Angeles blicken. Am Ende des Albums das Ende: "The older generation have tried, sighed and died." (Christian Schachinger, DER STANDARD, 16.7.2014)

  • morrisseyonvevo

    Pamela Anderson und Morrissey im Promo-Clip "Earth Is The Loneliest Planet" zum neuen Album des britischen Grantlers.

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