Ötzis Knochenanalyse enthüllt "nichtmenschliche" DNA 

15. Juli 2014, 19:03
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5.300 Jahre alte Eismumie litt unter Zahnproblemen, wie ein nun entdeckter Parodontosekeim bestätigt

Wien/Bozen  - Vieles, was wir heute über die rund 5.250 Jahre alte Gletschermumie vom Similaun wissen, haben Wissenschafter aus einer winzigen Knochenprobe geschlossen, aus dem die Forscher menschliches Erbgut extrahieren und entschlüsseln konnten. So fanden die Experten beispielsweise heraus, wie Ötzi ausgesehen haben könnte oder dass er an einer Laktoseintoleranz litt.

Doch in der 0,1 Gramm leichten Probe aus dem Beckenknochen der Mumie steckt noch viel mehr Information: Ein Forscherteam der Europäischen Akademie (EURAC) in Bozen und der Universität Wien hat auch die nichtmenschliche DNA in der Probe analysiert und dabei Hinweise auf den Parodontoseerreger Treponema denticola entdeckt. Die Ergebnisse, die nun im Fachmagazin "PLoS One" veröffentlicht wurden, konnte somit auf DNA-Ebene die CT-Diagnose aus dem Vorjahr, die dem Mann aus dem Eis Parodontitis bescheinigte, bekräftigen.

"Neu ist, dass wir keine zielgerichtete DNA-Analyse durchgeführt, sondern vielmehr untersucht haben, was überhaupt alles an DNA da ist, wie viel und welche mögliche Funktion jeweils damit verbunden ist", beschreibt Frank Maixner vom Bozner EURAC-Institut für Mumien und den Iceman den neuen Weg, den das Forscherteam eingeschlagen hat.

Rekonstruierte Bakteriengemeinschaft

Dass eine große Anzahl an Bakterien in und auf dem menschlichen Körper leben, ist prinzipiell unbedenklich bzw. sogar lebenswichtig. Gerät dieses Zusammenleben aber in Ungleichgewicht, kann das zu Erkrankungen führen. "Daher ist es wichtig, die Zusammensetzung der bakteriellen Gemeinschaft im DNA-Gemisch zu rekonstruieren", erklärt der Bioinformatiker Thomas Rattei vom Department für Mikrobiologie und Ökosystemforschung der Uni Wien.

Die große Anzahl eines ganz bestimmten Bakteriums in der Probe stach dem Team aus Mikrobiologen und Bioinformatikern ins Auge: Treponema denticola, ein Erreger, der unter anderem in der Entstehung von Parodontose involviert ist. Damit unterstützt dieser Befund die Diagnose zu Ötzis Zahnproblemen, die Forscher anhand einer Computertomographie im Vorjahr gestellt hatten. Die erstaunliche Erkenntnis in diesem Fall ist jedoch, dass die Analyse der winzigen Knochenbiopsie fast 5.300 Jahre später noch nachweisen kann, dass sich der Erreger über den Blutstrom aus dem Mund bis in den Beckenknochen verbreitet hat. Weitere Untersuchungen zeigen, dass es sich um alte Bakterien handelt, die vermutlich den toten Körper nicht erst später besiedelt haben.

Clostridien im "Winterschlaf"

Neben dem Treponema-Erreger stieß das Forscherteam rund um Studienleiter Albert Zink in der Ötziprobe auch auf Clostridien-Bakterien, die zurzeit in einer Art Starrzustand sind, aber unter Luftabschluss hochwachsen und Gewebe abbauen könnten. Diese Entdeckung könnte für die zukünftige Konservierung der weltberühmten Mumie eine entscheidende Rolle spielen. "Dieser Befund macht deutlich, dass im Falle einer Veränderung der Konservierungsbedingungen der Gletschermumie, beispielsweise durch die Umstellung auf eine bei Kulturgütern üblichen Stickstoffatmosphäre, eine begleitende mikrobiologische Überwachung erforderlich ist", erklärt das Forscherteam, das seine Studien zu den bakteriellen Einflüssen auf die Konservierungsbedingungen des Mannes aus dem Eis noch vertiefen wird. (red, derStandard.at, 15.07.2014)

  • Winzige Proben aus dem Beckenknochen der Eismumie vom Similiaun enthüllten eine ganze Reihe von Bakterien. Besonders auffallend war das häufige Auftreten des Parodontoseerregers Treponema denticola.
    foto: apa/dpa/samadelli marco/eurac

    Winzige Proben aus dem Beckenknochen der Eismumie vom Similiaun enthüllten eine ganze Reihe von Bakterien. Besonders auffallend war das häufige Auftreten des Parodontoseerregers Treponema denticola.

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