Ziegen, die auf Männer starren: Auch Nutztiere wissen, wann sie beobachtet werden

20. Juli 2014, 11:58
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Domestizierte Tiere offenbar zu höheren Erkenntnisleistungen fähig als bisher vermutet

Zwergziegen reagieren deutlicher auf die Aufmerksamkeit durch Menschen als man bisher dachte. Zu dieser Erkenntnis kommen der Biologe Christian Nawroth und sein Team von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg durch Versuche, die bisher Primaten vorbehalten waren.

Bei den Experimenten waren die Ziegen beispielsweise weniger aktiv und starrten länger, wenn der Experimentator seinen Kopf von den Tieren abgewandt hatte oder ihnen sogar den Rücken zudrehte. "Das deutet darauf hin, dass Zwergziegen die Rolle eines Menschen, und hier speziell dessen Aufmerksamkeitszustand ihnen gegenüber, im Kontext der Futtergabe interpretieren können", sagt Nawroth.

Durch weitere Tests, in welchen den Ziegen verschiedene menschliche Zeige- und Kopfgesten die Position einer versteckten Futterbelohnung anzeigten, konnte darüber hinaus nachgewiesen werden, dass Zwergziegen zwar in der Lage sind, zwischen verschiedenen Kopforientierungen eines Menschen zu unterscheiden, jedoch die Blickrichtung des Menschen alleine nicht als Informationsquelle bei der Futtersuche nutzen können.

Diese vermeintlich einfachen Erkenntnisse, die nun im Fachmagazin "Animal Cognition" veröffentlicht wurden, sind neu und nützlich gleichermaßen. "Aufbauend auf dem Wissen über die kognitiven Fähigkeiten von Nutztieren kann deren Haltung verbessert und ihr Wohlbefinden gesteigert werden. Fehlende Kenntnisse über ihr kognitives Potenzial können sowohl zu einem falschen Umgang mit den Tieren als auch zu fehlerhaften Planungen im Stall führen", erklärte Nawroth das Ziel seiner Untersuchungen.

Zwölf Ziegen im Test

Für die Untersuchung wurden aus dem Bestand des Leibniz-Instituts für Nutztierbiologie zwölf weibliche Zwergziegen (Capra hircus) mit einer bisher vorrangig bei Primaten und noch niemals bei Nutztieren verwendeten Versuchsanordnung getestet. Ein Experimentator präsentierte - unerreichbar für das Tier - ein Futterstück hinter einem Gitter. Anschließend nahm er für die Dauer von 30 Sekunden verschiedene Kopf- und Körperhaltungen ein, mit denen ein unterschiedlicher Grad an Aufmerksamkeit gegenüber dem Tier ausgedrückt werden sollte. Erst danach gab er dem Tier das Futter durch das Gitter.

Wurde in ähnlichen Versuchen bei Primaten in diesem Zeitraum meistens die Anzahl und Dauer von so genannten Bettelgesten zur Interpretation der Aufmerksamkeit des Menschen gemessen, musste bei den Zwergziegen auf andere Verhaltensparameter zurückgegriffen werden. Die Wissenschafter untersuchten, wie intensiv die Ziegen eine Erwartungshaltung der kommenden Futtergabe in ihrem Verhalten anzeigten – entweder durch gesteigerte Aktivität vor dem Gitter oder in einer Art Alarmstellung, in welcher die Tiere reglos auf die Futterbelohnung "starrten".

Domestizierte Nutztiere intelligenter als vermutet

Auf diese ersten Ergebnisse aufbauend soll nun in weiterführenden Studien geklärt werden, inwiefern Zwergziegen über ein tatsächliches Verständnis der Aufmerksamkeitszustände anderer Individuen verfügen oder ob das gezeigte Verhalten ausschließlich auf komplexe Lernvorgänge zurückführbar ist. Ersteres konnte bisher nur bei Primaten und einigen Vogelarten nachgewiesen werden. "Die Ergebnisse des Projekts legen nahe, dass domestizierte Nutztiere offensichtlich zu höheren Erkenntnisleistungen befähigt sind, als dies bisher vermutet wurde", so Nawroth. (red, derStandard.at, 20.07.2014)

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    foto: ap photo/the daily messenger, rikki van camp
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