"Die großen Leitlinien im Gesundheitssystem"

Interview15. Juli 2014, 13:32
posten

Am 18. und 19. August finden im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach die Gesundheitsgespräche statt - Vizepräsidentin Ursula Schmidt-Erfurth über das Programm

STANDARD: Die heurigen Gesundheitsgespräche stehen unter dem Motto "At the Crossroads", also am Scheideweg. Klingt dramatisch, aber richtig neu ist das doch nicht?

Schmidt-Erfurth: Es geht darum, dass die Weichen für das, was in zehn Jahren passieren wird, ja bereits heute gestellt werden. Das ist der wesentliche Punkt. Wir haben dieses Überthema zeitgeistig und offen formuliert, damit wir ein breites Themenspektrum ab- decken können. Jeder, der in einer täglichen Routine hart arbeitet, hat kaum Zeit, über den Tellerrand zu schauen. In Alpbach ist genau das die Absicht. Wir wollen und müssen uns interdisziplinär mit der Zukunft beschäftigen.

STANDARD: Die Zukunft der medizinischen Forschung ist ein weites Feld. Fast zu groß für zwei Tage.

Schmidt-Erfurth: Wir haben eine Auswahl getroffen. Dieses Jahr liegt unser Fokus auf drei großen Themen: Allen voran steht die Genetik. Das "Human Genome Project" belegt heute ungeheure Forschungsressourcen in der Medizin. Den zweiten großen Schwerpunkt haben wir auf die Hirnforschung gelegt, denn auch dort gibt es viele Neuheiten, die durch das "Human Brain Project" sehr systematisch vorangetrieben werden.

STANDARD: Doch gerade das Gehirn entzieht sich in weiten Teilen unserem Verständnis ...

Schmidt-Erfurth: Die Forschung ist dabei, Denkprozesse zu entschlüsseln. Genetik und Hirnforschung erfassen den geistigen und biologischen Fingerprint und bestimmen damit das Schicksal jedes einzelnen Menschen, aber auch der Gesellschaft. Die große Frage ist, wie konstruktiv oder destruktiv wir mit diesem Wissen umgehen.

STANDARD: Gilt das nicht auch für Daten, die gesammelt werden?

Schmidt-Erfurth: Bioinformatik, also Big Data, ist deshalb auch der dritte große Themenblock. Wir diskutieren, welche Auswirkungen der Zuwachs riesiger und persönlichster Datenmengen hat.

STANDARD: Viele kommen nach Alpbach, weil dort Gesundheitspolitik gemacht wird. Stimmt das?

Schmidt-Erfurth: Aus Sicht der Veranstalter sollte die Gesundheit in jedem Bereich der Politik an zentraler Stelle stehen, "Health in all policies" ist das Schlagwort. In Alpbach kommen die Teilnehmer aus unterschiedlichen Berufsgruppen. Nach den Plenarsitzungen entscheidet sich jeder für sein zentrales Thema in einer Arbeitsgruppe.

STANDARD: Was findet da statt?

Schmidt-Erfurth: Dort diskutieren die Stakeholder über konkrete Fragen eines Fachbereiches. Die Ergebnisse werden am Ende wieder im Plenum diskutiert. Dieser sehr lösungsorientierte Ansatz hat sich in den letzten Jahren bewährt. Auf dieser Basis können relevante Zukunftsbilder entwickelt werden. Es ist ein sehr konstruktiver Ansatz. In der Hektik des Alltags hat man ja nicht die Zeit dazu. Es geht nicht um die Fragen, die heute auf den Schreibtischen liegen, sondern um die großen Leitlinien für die Akteure im Gesundheitssystem der Zukunft.

STANDARD: Welche Rolle spielt die EU in der Gesundheitspolitik?

Schmidt-Erfurth: Kommunikation in der medizinischen Versorgung ist derzeit das Generalthema in Brüssel. Hier treffen sich Fachleute und diskutieren auf Augen- höhe. Von österreichischer Seite ist auch der Gesundheitsminister eingebunden und bezieht Stellung. Die Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen werden präsentiert. Stolz bin ich, dass die Auswahl der Referenten und Referentinnen bei den Gesundheitsgesprächen gendergerecht ist.

STANDARD: Die großen Fragen werden aber in den Hotelbars diskutiert, heißt es?

Schmidt-Erfurth: Dort wird sicher weitergedacht. Deshalb gibt es auch Zeit, die Natur, die Berge und das Kulturprogramm - 75 Jahre Sigmund Freud - zu genießen. (Karin Pollack, DER STANDARD, 15.7.2014)

  • Ursula Schmidt-Erfurth ist Vizepräsidentin des Europäischen Forums Alpbach, Vorsitzende der Gesundheitsgespräche. Sie leitet die Augenklinik an der Med-Uni Wien.
    foto: peter mayr

    Ursula Schmidt-Erfurth ist Vizepräsidentin des Europäischen Forums Alpbach, Vorsitzende der Gesundheitsgespräche. Sie leitet die Augenklinik an der Med-Uni Wien.

Share if you care.