Von Städtern, Landeiern und Lodenmantelfaschisten

Leserkommentar15. Juli 2014, 11:54
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Der Gegensatz zwischen dumpfen Landdeppen und brillanten Stadtintellektuellen ist so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil richtig ist. Wenn meine Großmutter „Stodtiger“ (Städter) sagte, dann meinte sie das nicht sehr freundlich, und meistens war es auf meine anderen Großeltern gemünzt. Daraus sprach durchaus Verachtung für das Stadtvolk, das keine Ahnung hat, wie man einen Acker bestellt, und glaubt, die Milch kommt aus dem Packerl.

An dieses abwertende Urteil muss ich denken, wenn ich die aktuelle Debatte über Stadt und Land, über Rückständigkeit und Weltoffenheit verfolge. Was da Zeitungskommentatoren, die sich durchaus zum oberen Drittel der intellektuellen Elite dieses Landes zählen, von sich geben, ist nicht wesentlich differenzierter als die Ansichten meiner Großmutter mit ihren acht Jahren Volksschule.

Wurst vs. Gabalier

Zunächst ist einmal interessant, wer als Beispiel für die jeweilige Position hingestellt wird. Conchita Wurst, die das Urbane, das Weltoffene verkörpert, stammt aus Bad Mitterndorf, knapp über 3000 Einwohner, Salzkammergut. Also hinterste Provinz, wenn man es aus der Perspektive der Wiener Kolumnisten betrachtet. Andreas Gabalier hingegen stammt aus Graz – immerhin die zweitgrößte Stadt Österreichs. Also wie ist das jetzt mit der Weltoffenheit und den Lodenmantelfaschisten?

Landdeppen vs. Stadtintellektuelle 

Die Dichotomie zwischen dumpfen Landdeppen und brillanten Stadtintellektuellen ist so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil richtig ist. Die vermeintliche Tatsache, die urbane weibliche Bevölkerung wähle Grün und die ländliche männliche Bevölkerung Blau, beruht auf einer optischen bzw. geografischen Täuschung. Von Wien aus mag jede Landeshauptstadt aussehen wie ein Kuhkaff, aber genaues Hinsehen lohnt sich. So wählten bei der letzten Nationalratswahl vor allem junge Männer mit unterdurchschnittlicher Bildung in den Städten die FPÖ – früher hätte man gesagt: das Lumpenproletariat.

Raunzer und Abqualifizierer

Die ländliche Bevölkerung als blöd und rückständig hinzustellen ist nicht nur uncharmant. Es ist auch falsch. Die Raunzer und Abqualifzierer sollten einmal eine beliebige landwirtschaftliche Fachschule aufsuchen. Dort wird vielfach das umgesetzt, wovon in grünaffinen Innenstädten noch nicht einmal geträumt wird. Die Rettung der Honigbiene, ein aktuelles und wichtiges Thema, treibt die tumbe Landbevölkerung in Scharen in die Imkerkurse, und der biologische Landbau wird auch nicht auf der Mariahilfer Straße praktiziert.

Polemik. Ja, das ist polemisch. Aber auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil, und der Ignoranz gehört kräftig in den Hintern getreten. Hier in Kärnten wähnt man sich ja schon als Bewohner der Landeshauptstadt als Großstädter. Das entbehrt sicherlich nicht einer gewissen Lächerlichkeit, dennoch zeitigt solch Überheblichkeit Folgen.

Kärnten

Die Direktorin des Kärntner Museums für Moderne Kunst, Christine Wetzlinger-Grundnig, bezeichnete Südkärnten im Herbst letzten Jahres als „Pampa“ und ließ eine Skulptur von Bruno Gironcoli aus dieser mutmaßlich kulturfernen Gegend entfernen. Jetzt steht die „Figur X“ vor der Kärntner Landesregierung, sozusagen am Puls avantgardistischer Kultur- und Politikentwicklung.

Dabei unterlag Wetzlinger-Grundnig derselben optischen Täuschung wie die Bobos in Wien. Schon einmal etwas von Kiki Kogelnik gehört, von Johann Kresnik oder Karlheinz Miklin? Ja? Die stammen nämlich alle aus Bleiburg/Südkärnten, und das befindet sich in Blickweite des ehemaligen Aufstellungsortes der Gironcoli-Figur.

Die Innovation geht vom Land aus

Wien könnte sich glücklich schätzen, wenn es, auf die Einwohnerzahl umgerechnet, so eine Dichte an Weltstars aufweisen könnte wie Bleiburg. Die Innovation geht vom Land aus. Auch von den Landflüchtigen, von denen, die aus der Enge der Bergtäler in die Großstadt gehen, und sie geht von jenen aus, die aus der Stadt flüchten und sich am Land heimisch machen.

Conchita Wurst, das Landei, mischt die Genderdebatte auf und lässt Österreich plötzlich als Hort der Toleranz dastehen. Andreas Gabalier, der Stodtiger, bedient sich abgegriffener Klischees, die schon im Antiheimatroman zum Himmel stanken, um eine Dirndlseligkeit zu verbreiten, die übrigens ein Produkt der Kulturindustrie ist – und die wird bekanntlicherweise nicht von der tumben Landbevölkerung betrieben. (Wilhelm Kuehs, derStandard.at, 15.7.2014)

Wilhelm Kuehs (geb. 1972) ist Kulturwissenschaftler und Schriftsteller. Er lebt mit seiner Familie in Völkermarkt. Im Februar 2015 erscheint der Roman „Die Tibet-Connection“ bei Haymon. Darin wirft Kuehs einen schonungslosen Blick auf das politische System Kärntens.

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