Die Bundeshymne-Diskussion dauert noch bis zum 15. August

Leserkommentar15. Juli 2014, 11:32
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Wer glaubt, Herr Gabalier ist ein plötzlich zum Politiker mutierter Musiker, der das Verlangen hat, seine Überzeugungen unters Volk zu bringen, der erscheint mir reichlich naiv. Er singt bei einer der größten Veranstaltungen Österreichs die Bundeshymne nach dem alten und nicht nach dem neuen Text. Nachdem er musikalisch dabei auch ein wenig experimentiert hat, nehme ich an, dass er vorher geprobt hat, und das sicher nicht alleine.

Sein Management, seine Produzenten, seine Plattenfirma, deren Anwälte et cetera waren voraussichtlich alle eingebunden. Das heißt, diese Aktion war von vielen Seiten - und dabei vor allem von den Seiten, die für den wirtschaftlichen Erfolg des Projekts "Gabalier" verantwortlich sind - mitgeplant und unterstützt. Dabei wird selbstverständlich überlegt: Was hilft dem Produkt, was schadet dem Produkt, finanziell, popularitätsmäßig, imagemäßig?

Kartenverkauf

Daher gehe ich davon aus, dass Herr Gabalier und seine wirtschaftlichen Verantwortungsträger den Kartenvorverkauf für das Konzert in der Wiener Krieau beziehungsweise für weitere Konzerte anheizen wollten.

Also, was tun, wie kann ich à la Miley Cyrus einen Skandal produzieren, wo ich noch dazu die Mehrheit des Stammtisches und der Zielgruppe hinter mir habe? Er beziehungsweise sein Management haben noch per Facebook nachgelegt. Klar, bis zum Konzert am 15. August ist ja auch noch Zeit. Nach dem Konzert beziehungsweise der Tournee wird ihm das Thema wahrscheinlich ziemlich wurscht sein. Wie allen Populisten, die nur schnell einmal Stimmen fangen wollen.

Nicht aufs Volk hören

Für all jene, die bei dieser Diskussion aufschreien und meinen, die Politiker sollen mehr auf das Volk hören: Bitte nicht, ich will nicht, dass immer und überall aufs Volk gehört wird.

Ich will eine moralische, intellektuelle, verantwortungsvolle und weitblickende Politik, die sich auskennt und weiß, was gut ist, und die Menschen davon überzeugt, mitzugehen.

"Habt ihr keine anderen Sorgen?“

Wenn wir alle Diskussionen darauf reduzieren, dass es Wichtigeres gibt, dann müssten wir vieles beiseitelegen. Symbole, Bilder, Wörter, Texte, Verhaltensweisen - überspitzt ausgedrückt: "Werbung" - sind wichtig, um Menschen neue Arten des Denkens zu vermitteln. Was ist bitte negativ daran, eine höhere Wertschätzung von Frauen in einem Bundestext zu verankern?

Weiters bitte ich jene Mitbürger, die wegen der "Töchter" so emotional mittun, intensiv diskutieren und dabei Politikern und vom Volk gewählten Parlamentariern den Tod wünschen, sich auch bei viel wichtigeren Themen wie Gesundheits-, Bildungs-, Finanz- und Umweltpolitik einzubringen.

Verklärung von Vergangenem

Sicher geht es Frauen (nicht "UNSEREN Frauen" mit Rehleinaugen) auch ohne die "Töchter" in der Bundeshymne gut, aber wo liegt das Problem? Die Schweizer bekommen eine komplett neue Hymne!

Gerade waren wir noch das tolerante, progressive Österreich, das eine Conchita Wurst in den Himmel gehoben hat, und jetzt scheitert Österreich an der üblichen Verklärung von Vergangenem. Mehr modernes und progressives Denken würde unserem schönen Alpenland sehr gut tun! Skandinavische Länder und ähnlich progressive Staaten halten auch sonst oft als Vorbild her. (Mario Bolzer, Leserkommentar, derStandard.at, 15.7.2014)

Mario Bolzer (35) ist Controller in der Energiewirtschaft.

Twitter: @thebario

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