Moskau trauert nach schwerem Metrounglück

15. Juli 2014, 22:25
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Mindestens 22 Tote und etwa 180 Verletzte: Das Unglück ist das schwerste in der Geschichte der Moskauer Metro. Die Behörden verhängen Volkstrauer

Es ist 8.39 Uhr in Moskau, Hauptverkehrszeit. Alle zwei Minuten kommen Züge an den Metrostationen an und fahren wieder ab, vollgepackt mit Passagieren, die so dicht gedrängt stehen, dass kaum Platz zum Atmen bleibt. "Ich war im zweiten Wagon. Ich bin eingestiegen, und nach 15 bis 20 Sekunden kam eine jähe Vollbremsung, das Licht ging aus. Der Zug entgleiste, und ich wurde heftig hochgeschleudert", beschreibt ein Augenzeuge im russischen Staatsfernsehen, was dann geschah.

Bei einer Geschwindigkeit von etwa 70 km/h sprang der Zug aus den Gleisen und verkeilte sich regelrecht im U-Bahn-Tunnel zwischen den Stationen Park Pobedy und Slawjanski Boulevard. Besonders hart traf es den ersten Wagon. Stundenlang waren die Rettungskräfte damit beschäftigt, die Insassen aus den Stahltrümmern zu bergen. Mit jeder Stunde stieg die Zahl der gemeldeten Toten und Verletzten.

Mehr Todesopfer befürchtet

21 Menschen seien gestorben, mehr als 160 verletzt worden, teilte am Abend der Leiter des nationalen Krisenstabs beim Katastrophenschutz, Viktor Jazuzenko, mit. Das sind wohl noch nicht die endgültigen Opferzahlen. Zwar wurden 1150 Menschen inzwischen aus den Tunneln geführt, möglicherweise sind unter den Trümmern aber noch mehr Opfer. Von den 129 Passagieren, die ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten, sind zudem 42 schwer verletzt. Ein nicht genannter Mitarbeiter des Katastrophenschutzes schätzte, dass die Anzahl der Todesopfer auf bis zu 30 ansteigen könne. Kinder sollen nicht zu Schaden gekommen sein.

Sobjanin droht Entlassung an

Bürgermeister Sergej Sobjanin versprach den Opfern am Unglücksort Entschädigung und eine schnelle Aufklärung der Katastrophe. Zudem drohte er Konsequenzen an. Die Schuldigen würden bestraft. Es werde Entlassungen geben, sagte er. Die Ermittlungsbehörden haben bereits Untersuchungen eingeleitet. Ein Anschlag wie 2010, als zwei Selbstmordattentäterinnen Bomben in der Moskauer Metro zündeten, wird aber ausgeschlossen. Die Strafermittlungen laufen wegen Verstoßes gegen Sicherheitsbestimmungen und fahrlässiger Tötung.

Als Unfallursachen werden derzeit ein Weichenfehler, ein defektes Wagongestell oder das Einsacken der Schienen untersucht. Der zunächst geäußerte Verdacht eines Spannungsabfalls im Stromnetz, der zur Notbremsung geführt haben soll, bestätigte sich hingegen nicht.

Volkstrauer

Die Stadt Moskau hat wegen der vielen Opfer den Mittwoch zu einem Trauertag erklärt. Es ist das schwerste technische Unglück in der 79-jährigen Geschichte der Moskauer Metro. Die Strecke ist dabei eine der jüngsten, es handelt sich um die Verlängerung einer ursprünglich noch unter Stalin fertiggestellten Metrolinie. Ziel war es, den Verkehr im Nordwesten Moskaus zu entlasten. Die Station Slawjanski Boulevard wurde erst Ende 2008 eingeweiht.

Der Teilausfall der Metro - mit täglich neun Millionen Passagieren wichtigstes Verkehrsmittel in Moskau - hat auch oberhalb der Erde ein Chaos hervorgerufen. Die Einfallstraße Kutusowski Prospekt, auf der auch Präsident Wladimir Putin und Premier Dmitri Medwedew ins Zentrum fahren, stand stundenlang völlig still.

Ärger über Taxler

Für Ärger sorgten zudem einige Taxifahrer: Während Freiwillige gestrandete Metro-Passagiere kostenlos mitnahmen, nutzten einige Taxifahrer die Gunst der Stunde, um abzukassieren, und forderten das Fünffache des üblichen Tarifs.

Die Verkehrsbehinderungen werden noch einige Zeit anhalten. Nach Angaben wird es zwei Tage dauern, ehe die Schäden in der Metro beseitigt sind. So lange ist das Teilstück der U-Bahn für den Verkehr gesperrt. (André Ballin aus Moskau, DER STANDARD, 16.7.2014)

Wissen: Die Moskauer Metro

Die 1935 von Diktator Josef Stalin eröffnete Metro ist Moskaus wichtigstes Nahverkehrsmittel und mit neun Millionen Fahrgästen pro Werktag die meistgenutzte U-Bahn der Welt. In der Hauptverkehrszeit fährt auf den wichtigsten der zwölf U-Bahn-Linien etwa jede Minute ein Zug. Das Schienennetz ist insgesamt rund 300 Kilometer lang. Viele der 180 Stationen sind prunkvoll mit Lustern, Reliefs und Statuen verziert und mit Marmor verkleidet.

Touristen kaufen sich oft eigens ein Ticket für 28 Rubel (60 Cent), um die in Reiseführern beschriebenen "unterirdischen Paläste" zu bestaunen. 2010 starben bei zwei Terroranschlägen in der Metro insgesamt rund 40 Menschen.

Im Wiener U-Bahnnetz führt ein Stromausfall nicht zu einer Notbremsung der Züge, erläuterte Wiener-Linien-Sprecher Dominik Gries auf APA-Nachfrage. Das Wiener U-Bahn-System ist im Falle einer Störung in der Elektrizitätsversorgung durch Notstromaggregate abgesichert. Im gesamten Netz sind Dieselgeneratoren verteilt, die regelmäßig getestet werden, sagte Gries. Diese helfen, "den Betrieb notdürftig weiterzufahren". Fahrende Züge sollen so in die nächste Station gebracht werden.

Ein Stromausfall bedeutet also laut Wiener Linien keinen automatischen Stopp. Ganz im Gegenteil: Ziel sei es, "dass der Zug durch die eigene Bewegungsenergie weiterrollt". Dadurch soll vermieden werden, dass eine U-Bahn im Tunnel stehen bleibt. Auch im Fall einer händischen Notbremsung werden die Züge erst in der nächsten Station angehalten. Die Bremsvorgänge der Wiener U-Bahn-Züge werden außerdem selbst zur Stromerzeugung genützt. Die dabei gewonnene Energie wird in das Netz zurückgespeist, so Gries.

  • Nach einem schweren Unfall in der Moskauer Metro gibt es mindestens zehn Tote und mehr als 100 Verletzte.
    foto: reuters/karpukhin

    Nach einem schweren Unfall in der Moskauer Metro gibt es mindestens zehn Tote und mehr als 100 Verletzte.

  • Drei Wagen sind in einem Tunnel entgleist.
    foto: reuters/sergei karpukhin

    Drei Wagen sind in einem Tunnel entgleist.

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