Der schwierige Absprung vom Abstellgleis

15. Juli 2014, 05:30
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Rund 78.000 Jugendliche haben weder Arbeit, noch Ausbildungsplatz. In einer Trainingswerkstatt sollen einige von ihnen das Rüstzeug erhalten, um auf eigenen Beinen zu stehen - und endlich etwas anderes hören als: "Du weißt nix, kannst nix, bist ein Trottel."

Michael sieht nicht aus wie einer, der zwischen Kräuterbeeten und Komposthaufen groß geworden ist. Einen Totenkopf, überlappt von einem Schlagring, hat er sich auf den Unterarm tätowieren lassen, am Halsketterl baumelt eine Patrone. Gelacht hat der 18-Jährige früher über die "Bauernschädel", die sich am Feld die Sonne auf den Kopf knallen lassen.

Heute macht sich Michael selbst die Hände schmutzig. Eine blaue Latzhose trägt der Bursche aus der Großfeldsiedlung im Bezirk Floridsdorf, er war den ganzen Vormittag auf Achse. Die Paradeiser mussten dringend hochgebunden werden, Gurken, Kohlrabi und Salat warteten auf Wasser. Dazwischen stand ein Besuch im Baumarkt an, um Schlösser für die Fahrräder zu kaufen. Wie das meiste an Michaels Arbeitsplatz sind diese selbstgebastelt, zusammengeflickt aus alten Teilen.

foto: robert newald
Michael, 18, versucht, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen - und macht es den "Bauernschädeln" nach, die er einst verlacht hat.

Über Stress klagt der Teenager nicht, er war oft genug zum Nichtstun verdammt. Als "ausgrenzungsgefährdet" gilt Michael laut offiziellem Wording - so wie die anderen zwei Dutzend Jugendlichen auch, die an Wiens nördlicher Peripherie Gemüse ziehen, Marmelade einkochen, Gartenmöbel bauen und sogar Honig aus einem eigenen Bienenstock schleudern. Ausgespuckt vom Arbeitsmarkt, sollen die Burschen und Mädchen hier, in der Ökowerkstätte des Projekts "Spacelab", auf eigenen Beinen zu stehen lernen - und, wie Sozialarbeiter Christoph Trauner sagt, endlich etwas anderes zu hören bekommen als: "Du weißt nix, kannst nix, bist nur ein Trottel."

Michael wäre oft schon über irgendeine Reaktion froh. Acht von zehn Bewerbungen bleiben ohne Antwort, beim Rest heißt es: "Wir melden uns bei Bedarf." Den Weg aufs Abstellgleis, ahnt er, bahnt sein Pflichtschulzeugnis, das "sonderpädagogischen Förderbedarf" ausweist. Der Abschluss ist vier Jahre her, doch die verhängnisvollen Sternchen hinter zwei Noten hängen ihm, so eloquent er auch wirken mag, bis heute nach.

Intermezzo als Hilfsschackl

Rasch zu Ende waren die wenigen Gehversuche in der Arbeitswelt. Der Autozubehörhändler habe ihn als Praktikanten - "Hilfsschackl" träfe es besser - exakt so lange behalten, bis der Filialumbau fertig war, im Zierfischzentrum passierte das Malheur mit dem glitschigen Aquarium. Das Intermezzo in einem Supermarkt ("Bei hunderten Leuten auf einmal verliere ich die Orientierung") endete ebenso frustrierend wie die vielen Kurse vom Arbeitsmarktservice (AMS): "Das hier ist der erste Kurs, der nicht zum Schmeißen ist."

Eine Lehre oder andere formale Ausbildung bieten die vom AMS und dem gemeindeeigenen Arbeitnehmerförderungsfond (Waff) finanzierten Trainings an den drei Spacelab-Standorten nicht. Bevor nach Jahren des Herumhängens in Parks und Einkaufszentren an einen Einstieg in den Arbeitsmarkt zu denken ist, brauchen die Jugendlichen das nötige Rüstzeug: Selbstvertrauen, Gewöhnung an einen fixen Tagesablauf, den langen Atem, eine Arbeit zu Ende zu bringen. Es sei schon ein Erfolg, wenn ein demoralisierter Bursche nach Wochen den Mund aufmacht, um zu sagen, was er will, erzählt Projektkoordinator Trauner: "Oder wenn einer, der immer zu spät kommt, zumindest anzurufen beginnt."

Die Betreiber der Ökowerkstätte in Floridsdorf hatten geglaubt, in ein paar Jahren alle Anwärter im Einzugsgebiet durchzuhaben, doch der Zustrom reißt nicht ab: Die Zahl arbeitsloser Jugendlicher ist seit dem Krisenausbruch 2008 massiv gestiegen, zehntausende hängen in der Luft (siehe Artikel). Die mitgebrachten Fähigkeiten hielten mit den Ansprüchen der Arbeitgeber nicht mit, sagt Trauner - kein Wunder, "wenn so mancher Jugendlicher nach neun Jahren Pflichtschule als funktionaler Analphabet ins Leben geschickt wird".

"Hier versuchen sie es wenigstens mit mir", sagt Michael, der mithilfe seiner "Perspektivencoaches" doch noch eine Lehrstelle - als Landschaftsgärtner oder Medientechniker - zu ergattern versucht. Dass ihm diese Chance nicht in den Schoß fallen wird, weiß er - nicht aus Zufall ziere das Schlagringtattoo den Unterarm: "Für seine Ziele muss man kämpfen."

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