Chaos in Libyen ist eine Gefahr für die Nachbarn

14. Juli 2014, 23:43
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Flughafen von Tripolis mit Raketen beschossen

Tripolis/Kairo - Der libysche Premier Abdullah al-Thini musste sich darauf beschränken, die Bewohner von Tripolis aufzufordern, sich vom umkämpften Gebiet des Flughafens fernzuhalten. Obwohl sie vom Staatsbudget bezahlt werden, entziehen sich die rivalisierenden Milizen immer mehr der staatlichen Autorität. Beim Versuch der islamistischen Milizen aus Misrata, die nichtreligiöse Konkurrenz aus Zintan zu verdrängen, brach die schlimmste Gewalt seit sechs Monaten aus.

Die Zintani schlugen den Angriff am Sonntag zwar zurück, aber der Flughafen bleibt vorerst geschlossen. Damit ist Libyen per Flugzeug praktisch nicht mehr zu erreichen, da auch Bengasi aus Sicherheitsgründen seit Mitte Mai nicht mehr in Betrieb ist.

Am Montag Abend traf bei einem neuerlichen Beschuss des Flughafens der Hauptstadt eine Rakete ein Flugzeug auf dem Rollfeld. Auch der Kontrollturm wurde getroffen und beschädigt. Ob es Tote oder Verletzte gab, war zunächst unklar. Auch in der Nacht zum Dienstag schlugen mehrere Dutzend Raketen auf dem Flughafengelände ein.

Betroffen von den Flugausfällen war auch Außenminister Mohammed Abdelaziz, der nicht rechtzeitig ins tunesische Hammamet gelangen konnte, wo sich die Nachbarn Libyens ab Sonntag trafen. Seine Kollegen aus Algerien, Ägypten, Tunesien, dem Tschad und Niger berieten dort, wie der Gefahr in der Region durch die im Überfluss vorhandenen libyschen Waffen und durch das Einsickern von Extremisten begegnet werden kann. In den letzten Tagen gab es Meldungen, wonach libysche Jihadisten bereits an der Seite der Gruppe "Islamischer Staat" (IS) im Irak kämpfen würden.

Die Regierung in Tripolis ist völlig machtlos. Milizen bestimmen zunehmend Politik und Alltag. Mehrere Ministerien sind praktisch lahmgelegt. Auch das Außenministerium wird seit mehreren Wochen von bewaffneten "Revolutionären" besetzt.

Entführungen und Morde

Die Zahl der Entführungen ist sprunghaft angestiegen. Die Hintergründe sind teils politisch, oft aber auch bloß kriminell, um Geld zu erpressen. Die Polizei in Bengasi, wo auch die Mordserie an Polizeioffizieren nicht abgerissen ist, berichtete letzte Woche von 64 Entführten. Die Uno hat wegen der immer prekäreren Sicherheitslage in den vergangenen Tagen die Zahl ihrer ausländischen Mitarbeiter drastisch reduziert.

Die Schwäche der staatlichen Institutionen hat der abtrünnige Exgeneral Khalifa Haftar ausgenutzt, um seine eigene Initiative gegen Extremisten zu lancieren. Am Montag lieferten sich seine Loyalisten in Bengasi erneut schwere Gefechte mit Militanten der Ansar al-Sharia. Klare Konturen hat Haftars Kampagne allerdings nicht. Teil dieses Machtkampfes sind auch die Rivalitäten der Milizen in Tripolis: Während die Zintani Haftar unterstützen, halten ihn die Milizen aus Misrata für einen Putschisten.

Die USA und die EU drängen auf den politischen Prozess, um die staatliche Autorität zu stärken. Man wisse nicht mit wem reden, beklagte sich etwa Italiens Premier Matteo Renzi vor wenigen Tagen und meinte die Flüchtlingsströme Richtung Europa. In Tripolis fehlt der Ansprechpartner, wie dieses Problem in den Griff zu bekommen wäre. (red/Astrid Frefel, DER STANDARD, 15.7.2014)

  • Vom Flughafen Tripolis stiegen am Sonntag dunkle Rauchwolken auf. Er war von  Islamisten mit Raketen beschossen worden
    foto: ap photo

    Vom Flughafen Tripolis stiegen am Sonntag dunkle Rauchwolken auf. Er war von Islamisten mit Raketen beschossen worden

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