Frankreich: Drei Soldaten stören den Quatorze Juillet

14. Juli 2014, 14:51
58 Postings

Streit um Präsenz der algerischen Delegation beim französischen Nationalfeiertag

Paris - Seit die Sowjetarmee nicht mehr über den Roten Platz defiliert, wirkt die waffenstrotzende Truppenparade auf den Pariser Champs-Élysées - also mitten im modernen Europa des 21. Jahrhunderts - leicht anachronistisch. Die französischen Präsidenten versuchten und versuchen deshalb stets, dem Anlass eine universelle Prägung zu geben; so wie es in der Eigendefinition dem französischen Zivilisationsanspruch gebührt.

François Mitterrand lud 1994 sogar deutsche Soldaten, deren Vorgänger während des Nazi-Regimes noch im Stechschritt über das Pariser Pflaster marschiert waren, zum Militärumzug des Quatorze Juillet ein - einer der alljährlichen Höhepunkte des französischen Nationalfeiertags. Für 2014 plante François Hollande eine ebenso große Versöhnungsgeste: Er lud 75 Nationen ein, die sich vor hundert Jahren im Ersten Weltkrieg bekämpft hatten.

Rechte wettert gegen Algerier

Für rote Köpfe und hitzige Debatten sorgte aber die dreiköpfige Delegation Algeriens: Sie verkörperte die 173.000 algerischen Soldaten, von denen 23.000 auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs für Frankreich ihr Leben gelassen hatten.

Rechtsextremisten liefen seit Wochen Sturm gegen die algerische Fahne am Nationalfeiertag: „Diese schändliche Militärpräsenz auf französischem Boden ist eine unwürdige Provokation und das Zeichen einer großen Verachtung für die Opfer dieser Armee“, hieß es in einer Petition des Front National gegen die Teilnahme der drei algerischen Soldaten. Gemeint sind die französischen Opfer - aber nicht jene des Ersten Weltkriegs, sondern jene im Algerienkrieg von 1954 bis 1962.

Dessen Narben sind, anders als die der Grande Guerre von 1914 bis 1918, keineswegs verheilt: Bei einem Fußballspiel Algeriens während der WM in Brasilien zirkulierten Internetbilder aus einer französischen Gemeinde, wo Unbekannte die algerische Flagge verbrannten.

Algier verlangt Entschuldigung

Solche Vorfälle steigerten nicht unbedingt die algerische Begeisterung über Hollandes Einladung. Außenminister Ramtane Lamamra nahm sie auch erst nach längerem Zögern an. Saïd Abadou, der Chef des einflussreichen Verbandes algerischer Kriegsveteranen (ONM), sprach sich gegen jede Militärdelegation aus, „solange die Frage der Verurteilung des Kolonialismus nicht geregelt ist“.

Algier verlangt von Paris seit Jahren eine offizielle Entschuldigung für die Kolonialherrschaft. Hollande verweigerte sie bei seinem Algerienbesuch von 2012, anerkannte aber in einer genau gewählten Formulierung „das Leiden, das die Kolonisierung dem algerischen Volk verursachte“. Für die Algerier ist das zu wenig; und der französischen Rechten geht es hingegen viel zu weit.

Zwangsrekrutierung im Ersten Weltkrieg

Ungewollt warf die Militärparade am Montag die gleiche Kolonialfrage auf. Algerien war im Ersten Weltkrieg ein französisches Departement. Die algerischen Soldaten kämpften in Verdun aber keineswegs freiwillig, sondern waren wie viele andere Kolonialtruppen zwangsrekrutiert worden. Diese militärische Tradition Frankreichs geht bis auf Napoleon zurück, der die Soldaten eroberter Länder bei seinen neuen Feldzügen umgehend als Kanonenfutter eingesetzt hatte; und diese Tradition hatte über den Zweiten Weltkrieg hinaus bis zum Indochinakrieg (1946 bis 1954) Bestand.

Dort, fern ihrer Heimat, ließen zahllose Afrikaner ihr Leben - und das nicht einmal für ihre eigene Heimat. Das erzwungene Blutopfer dieser Algerier, Tunesier, Senegalesen oder Mauretanier würde eine eigene Parade am Quatorze Juillet verdienen. (Stefan Brändle, derStandard.at, 14.7.2014)

  • Der französische Präsident François Hollande bei der Militärparade zum "Quatorze Juillet".

    Der französische Präsident François Hollande bei der Militärparade zum "Quatorze Juillet".

Share if you care.