Höflichkeit ist mehr als eine formelle Tugend

Blog14. Juli 2014, 14:22
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Karl Markovics über Unterwürfigkeit, Devotheit und grundsätzliche Fragen nach Gott

Zur langen Liste der mir entfallenen Namen gehört auch der Name jenes Dichters, von dem der Ausspruch stammt, es sei die höchste Kunst, sich selbst gegenüber höflich zu sein. Ich weiß zwar nicht ganz, worauf ich hinaus will, aber dieser Satz tauchte gerade in meinen Gedanken auf. Höflichkeit hat, im Unterschied zum Respekt immer den Hauch von Unterwürfigkeit, Devotheit oder zumindest von dem inneren Versprechen, einen Vorteil bei der Person herausschlagen zu können, der gegenüber man höflich ist. Ich weiß immer noch nicht, worauf ich hinaus will, aber ich denke, dass Höflichkeit mehr als nur eine formelle Tugend ist, besonders dann, wenn man sie auf sich selbst anwendet.

Entschuldigen und versöhnen

Sich selbst die Tür aufzuhalten ist wohl noch die beiläufigste Konsequenz – das macht jeder, der mit Türen in Berührung kommt. Schwerer ist es schon, sich selbst auch den
inneren Vortritt zu lassen (auf sich zu warten, bis man wirklich soweit ist, einen Schritt zu tun), sich selbst die Hand zu reichen, sich selbst eine Ungeschicklichkeit nachzusehen, gar nicht zu reden davon, sich bei sich selbst zu entschuldigen und schließlich sich mit sich selber zu versöhnen.

foto: thimfilm
Karl Markovics bei einer Drehpause.

Was das alles mit meinem neuen Film zu tun hat? Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass alles und in erster Linie mit einem selbst zu tun hat. Keine Erkenntnis ohne Selbsterkenntnis. Das betrifft auch die Frage: Gibt es einen oder gibt es keinen Gott? Der Umstand, dass jeder sich früher oder später diese Frage stellt, kommt wie das buchstäbliche Amen im Gebet. Man kann gar nicht nicht danach fragen; die Frage nach Gott ist in jeder der drei anderen Fragen (wer bin ich?, woher komme ich?, wohin gehe ich?) enthalten.

Erkenntnishorizont

Als ich vor drei Jahren meinen ersten Film fertiggestellt hatte, begann ich an einem neuen Projekt zu arbeiten. Nach etwa drei Monaten intensiver Arbeit hatte ich ein fertiges Handlungsgerüst und bereits jede Menge ausgearbeiteter Szenen. Doch dann kam mir diese Geschichte dazwischen, diese Alltagsszene im Supermarkt, die ich bereits im ersten Blogeintrag beschrieben habe. Mit der Szene tauchten die drei Fragen auf und dahinter die Idee zu diesem Film: Eine einfache Frau gelangt an ihren Erkenntnishorizont. Ab diesem Zeitpunkt war es mir unmöglich, an etwas anderem weiterzuarbeiten. Ich konnte einfach keinen klaren Gedanken mehr fassen, außer jenen, dass, bevor ich nicht diese Geschichte über die fünfzigjährige Supermarktkassierin geschrieben hätte, ich auch nichts anderes würde schreiben können. Jetzt weiß ich auch wieder, worauf ich zu Beginn hinaus wollte: Ich war höflich genug, mir selbst den Vortritt zu lassen.

Nächste Frage

Frage vier der vermutlich am häufigsten gestellten Fragen zu meinem neuen Film "Superwelt":
"Herr Markovics, an wen richtet sich Ihr Film - an die Gläubigen oder an die Ungläubigen?"
Antwort: "Darüber denke ich nicht nach, und zwar aus einem einfachen Grund: Ich weiß nicht, was das überhaupt für ein Film wird, den ich da gerade drehe. Heute haben wir den dreiundzwanzigsten von fünfunddreißig Drehtagen. Wir sind also weit über der Hälfte der Drehzeit. Ich habe inzwischen gut vierundzwanzig Stunden Filmmaterial, eine fünfundvierzigminütige Rohschnittfassung, ein fantastisches Team, großartige Darsteller, ein unheimliches Wetterglück, ich weiß, was ich will, aber ich habe keine Ahnung, was für ein Film 'Superwelt' einmal werden wird. Wenn Sie mich also nach dem Zielpublikum fragen, kann ich Ihnen nur eine allgemeine Antwort geben: Ich mache Filme für Menschen, denen sie gefallen." (Karl Markovics, derStandard.at, 14.7.2014)

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Facebook.com/Superwelt

Karl Markovics stellt für derStandard.at in regelmäßigen Abständen Beiträge über die Dreharbeiten zu dem Film "Superwelt" zur Verfügung.

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