Wo Beobachten und Malen ineinanderfallen

13. Juli 2014, 17:51
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Martha Jungwirth hat sich stets am Rand des Kunstbetriebs aufgehalten. Deswegen ist das Werk der 74-jährigen Wienerin noch eines, das man entdecken kann. Die Kunsthalle Krems hat dies getan und widmet ihr eine Werkschau mit Arbeiten aus fünf Jahrzehnten.

Wien - Tolle Bilder zeigen! Das war das einzige Kriterium des Malers Albert Oehlen, als er 2010 im Essl-Museum eine Sammlungsschau kuratierte. Aber mit einer solchen Neuentdeckung hatte Oehlen nicht gerechnet, als er ins Depot stöbern ging und dort auf die Arbeit Martha Jungwirths stieß.

"Ein besonders radikales Bild von ihr sieht wie ein bekleckerter Fußboden aus", beschrieb er damals dem Standard ihre an die Fleckenmalerei des Tachismus erinnernde, jedoch stets zwischen Abstraktion und Formgebung hin und her schwingende Malerei. "Ich habe nicht einmal auf die Datierung geschaut. Die ist schnuppe. Es gibt kein 'zu früh' oder 'zu spät', wenn Arbeiten so außerordentlich gut sind", erklärte er.

Die Bilder der 1940 in Wien geborenen Künstlerin befand er als derart stark, dass er ihr als Einziger sogar einen eigenen Saal widmete - einen Besucher in blauer Hose inklusive: Georg Baselitz' Figur Meine neue Mütze. So konnte das Alter Ego des Macho-Meisters sich dort davon überzeugen, wie gut auch Frauen malen können.

Die große - und erste - Retrospektive seiner inzwischen 74-jährigen Favoritin, die als Vorbotin der "Neuen Wilden" der 1980er- Jahre gelten könnte, findet nun jedoch nicht in Klosterneuburg, sondern in der Kunsthalle Krems statt. Späte Aufmerksamkeit.

Jungwirth hatte allerdings auch nie die Nähe zum Kunstbetrieb gesucht. Dessen Betriebsamkeit habe für sie stets einen "unangenehmen Beigeschmack" gehabt. Die Distanz habe den Vorteil geborgen, einen unbeeinflussten Weg zu beschreiten, aber auch den Nachteil geringer Ausstellungspräsenz gehabt, sagt sie, die trotzdem nah am Geschehen war. Schließlich war ihr Ehemann der Kunstkritiker und spätere Direktor des 20er-Hauses Alfred Schmeller. Manche Nähe bedingt, übersehen zu werden - nicht immer unabsichtlich. Eine weitere - nicht unbedingt unvorteilhafte - Folge des raren Ausstellens: Man begegnet in der chronologischen Präsentation in Krems zu 70 Prozent Werken, die vorher niemals öffentlich ausgestellt waren.

Die Datierung sei schnuppe, hat Oehlen gesagt. Anachronistisch ist Jungwirths OEuvre dennoch nicht; es schließt an die Stimmungslage der 1950er-Jahre an, die sich in der Kunst dem Subjektiven hingab, Spontaneität, Zufall, Primitivismus, Expressionismus und Formlosigkeit huldigte. Trotzdem zählte Kunsthistoriker Otto Breicha sie zur Gruppe "Wirklichkeiten" und deren satirisch bis sozialkritisch gefärbtem Realismus hinzu.

Hafen bei der Reichsbrücke oder Raffinerie bei Schwechat heißen zwei von Jungwirths frühen, 1962 entstandenen Aquarellen und Tuschezeichnungen; ihre Titel verraten, wo die Ausgangspunkte für ihre spontanen, intuitiven Farbsetzungen, etwa das in viel Wasser schwimmende Schiefergrau und die energischen, regelrecht vibrierenden Striche, liegen: in der Landschaft (daheim oder auf Reisen), aber auch in Gegenständen und Szenerien des Alltags.

Erdbeben am Küchentisch

Beobachten und Malen scheinen in Jungwirths Arbeiten zeitlich ineinanderzufallen. "Da muss ma g'schwind schauen und g'schwind malen", befand sie. Wenn der Impressionismus einen einzigen Augenblick festhielt, so sind es bei Jungwirth wechselnde Atmosphären und emotionale Stimmungslagen - Freunde berichten von eruptiven Ausbrüchen -, die in einem einzigen Bild übereinanderliegen. Poesie und Drama zugleich. Ein Eindruck, der sich auch in Jungwirth selbst spiegelt: Schüchtern wirkt sie, um in nächsten Moment energisch Prinzipien wie "Der Malprozess muss ablesbar sein!" herauszudonnern.

Ein Schwerpunkt gilt Mitte der 1970er geschaffenen Serien: Aus meiner schwarzen Küche und Indesit enstanden beide mit Pastellkreide und Grafit auf Karton oder Papier, wobei Indesit eine für Papierarbeiten durchaus monumentale Größe (z. B. 155 x 160 cm) hat. Tassen, Töpfe und allerlei Küchengerät sind in einem solchen Flirren dargestellt, als würde ein Erdbeben für stetes Zittern sorgen; Frau und Haushaltsapparat scheinen in heftigen Vibrationen miteinander zu verschwimmen.

Irgendwie erinnert das an Duchamps Akt, eine Treppe herabsteigend (1912) oder mittels fotografischer Langzeitbelichtung festgehaltene Bewegungen. "Bewegtes oder Unbewegtes gelten ihr beim Malen gleich," beschrieb dies Otto Breicha einmal treffend.

Jungwirths Malerei lebt von der Macht der Farbe, ihrer Wirkung auf dem Papier und dessen verschiedenen Strukturen, vom maßvollen Platzieren und vom rechtzeitigen Aufhören. Manches Mal denkt man, sie hätte früher aufhören können. Aber so subjektiv ihr Zugang, so individuell gestaltet sich das Gefallen des Betrachters; es werden Gefühle angesprochen, Erinnerungen geweckt - oder eben nicht.

Über das, was ihre Bilder bedeuten, könne man nichts sagen, sagt Jungwirth. 1988 beschrieb sie es so: "ein fleck ist ein fleck ist ein fleck ein intelligenter oder ein blöder, sonst nichts."  (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 14.7.2014, Langfassung)

Kunsthalle Krems, bis 2. 11.

  • Monumentales Aquarell von Martha Jungwirth aus der Serie "Spittelauer Lände" (1993).
    foto: franz schachinger

    Monumentales Aquarell von Martha Jungwirth aus der Serie "Spittelauer Lände" (1993).

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