Jazz-Bassist Charlie Haden mit 76 Jahren gestorben

12. Juli 2014, 08:58
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Gewinner von drei Grammys galt als stilprägend

Los Angeles - Die Geschichte des Jazz ist auch eine der instrumentalen Emanzipation. Die strenge Trennung von Solist und Begleiter - lange Zeit ein Jazzgrundgerüst - löste sich auf - und spätestens im Free Jazz vollends. So entwickelte sich auch der Kontrabass zur eigenständigen Stimme: Aus dem "Walking-Bass-Butler" wurde ein Soloinstrument, ein gleichwertiges Bandmitglied, dessen Interventionen weniger begleitenden, eher mitgestaltenden Charakter aufwiesen.

Charlie Haden, 1937 in Shenadoah, Bundesstaat Iowa, geboren, hat diese einst moderne instrumentale Auffassung mitdefiniert. Bei Revolutionär und Saxofonist Ornette Coleman fand er dabei jenes innovative Milieu, das in den 1950ern die Möglichkeiten kontrollierter Improvisationsfreiheit erprobte und dem einzelnen Spieler bewusst Gestaltungsräume offerierte. Auch später, im politisch engagierten Liberation Music Orchestra, galt es für Haden, bei aller Stilvielfalt, durchaus auch die freejazzige Ungebundenheit energisch auszukosten.

Haden, wie man anhand seiner Mainstream-Aufnahmen der letzten Jahre erleben konnte, vermochte jedoch auch im tonalen, traditionellen Bereichen, charaktervoll zu wirken. Seinem Ton umgab eine dunkle, poetische Melancholie, die das harmonische Grundgerüst zwar respektierte, jedoch individuell interpretierte. Hadens raffiniert-simple Linienführung zeigte auch die Fähigkeit, einem solierenden Kollegen unkonventionell und doch logisch zu folgen. Etwa beim Duoalbum Beyond the Missouri Sky mit Pat Metheny lässt sich das nachhören, wobei u. a. auch Pianist Keith Jarrett Hadens Fähigkeit schätzte, originell mitzudenken (zuletzt erschienen auf der ECM-CD Last Dances Duos aus 2007).

Schließlich konnte Haden, der als Teil einer Musikerfamilie schon als Zweijähriger im Radio Countrysongs gesungen hatte, mit wenigen Noten die Grundfarbe einer musikalischen Situation interessant beleben. Und mochten einige seiner letzten Aufnahmen mit dem Quartet West in ihrer kitschigen Ausstrahlung den kommerziellen Erfolg gesucht haben, war Improvisator Haden auch dabei ein gelassener Meister des Intimen und Sanglichen, dessen Poesie Substanz ausstrahlte.

Charlie Haden ist am Freitag 76-jährig in Los Angeles nach schwerer Krankheit gestorben. (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 14.7.2014)

  • Subtile Energie der tiefen Töne: Charlie Haden.
    foto: decca

    Subtile Energie der tiefen Töne: Charlie Haden.

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